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Schriftzug Rahab auf Rahab und die rote Schnur

Zaehlerleiste

Was meint Josua mit dem Ausdruck Herren Jerichos? Und was ist das für ein Mondgott mit Schwert und großem Gehörn? Artikel-Serie Rahab / Teil 17 /  Dieser Artikel wurde veröffentlicht am: 2026feb02

Jericho und seine Herrentümer

Wir konstruieren den Begriff Bagalee-Jericho

"Als ihr nach Jericho kamt, kämpften gegen euch die Bagalee-Jericho Bagalee-Jericho_in-hebraeischen-Buchstaben", sagt Josua Ben-Nun im biblischen Buch Josua, Kapitel 24, Vers 11. Der Ausdruck Bagalee-Jericho wird meist übersetzt als "Herren Jerichos" oder "Bürger Jerichos". Im Folgenden wird nach einer besseren Übersetzung gesucht. Dabei sollen zunächst weder die Entstehungszeiten der einzelnen Texte, noch die Fragen nach ihrer Historizität (was auch immer das sei), eine Rolle spielen, sondern uns interessiert, was mit dem Begriff Bagalee-Jericho im biblischen Narrativ und besonders im Buch Josua gemeint sein könnte. Und wir wollen es genauer wissen, als die Angabe "Herren Jerichos", wie sie halt im Hebräisch-Lexikon steht. Dazu müssen wir vom Mondgott erst noch einmal zurück zum Wettergott.

Ba'alim Baalim-in-hebraeischen-Buchstaben

Ba'alim Baalim-in-hebraeischen-Buchstaben ist eigentlich nur der Plural von Ba'al Baal_in-hebraeischen-Buchstaben und bedeutet zunächst ganz allgemein "Herren". Ba'alee ist der Status Constructus dazu. Damit werden nach hebräischer Grammatik Verbindungen hergestellt, die in indoeuropäischen Sprachen mit einem Genitiv ausgedrückt würden: Jericho's Herren heißen auf hebräisch Ba'alee-Jericho Bagalee-Jericho_in-hebraeischen-Buchstaben. Nun ist aber der Begriff Ba'al Baal_in-hebraeischen-Buchstaben schon im Singular sehr eingefärbt durch die religiöse Bedeutung des Ba'al-ha-Schamajim, Herr des Himmels, denn in der Regel ist dieser Gott gemeint, wenn Ba'al Baal_in-hebraeischen-Buchstaben einfach so dasteht, noch mehr, wenn er mit Artikel genannt wird: Der Herr. Und der Plural Ba'alim Baalim-in-hebraeischen-Buchstaben bezeichnet ganz oft das regional vielfältige Auftreten dieses Wetter- und Eroberer-Gottes in unterschiedlichen Erscheinungsformen. Gemeint ist mit diesem Gott der ganze Himmel, das Gewitter mit Blitz und Donner ist nur die eindrücklichste Erscheinungsweise des Herrn, und der Regen ist seine am meisten ersehnte Gabe. Seine gängige Darstellung als Wettergott darf nicht als Einschränkung seines Herrschaftsbereiches, nämlich des ganzen Himmels missverstanden werden. Die für uns so selbstverständlichen Größenverhältnisse von winziger Erd-Atmosphäre zu gigantischen Weiten des Weltalls, können nicht einfach auf ältere Weltbilder angewandt werden. Das atmosphärische Geschehen von Regen oder Nicht-Regen ist in den alten Kulturen viel existenzieller, also größer in seiner Bedeutung, als die Sterne. Dementsprechend ist der Wettergott als der große Himmelsgott gemeint, der nicht nur über die Wolken und den Regen, sondern auch über alle Gestirne herrscht. Sonne, Mond und Sterne sind im kanaanäischen Weltbild zwar wichtige, aber kleinere Unterabteilungen des Himmelreiches. Die grammatische Mehrzahl des Himmelsgottes, Ba'alim, steht zwar in leichtem Widerspruch zu seiner alles umfassenden Ehre, aber nicht aus Gründen der modernen Naturwissenschaften, sondern in der religiösen Praxis fehlt dem Herrn die Einheit des Himmels, die er eigentlich verkörpern müsste. Die gesellschaftlichen Konkurrenzen zersetzen die Idee einer weltumspannenden Herrlichkeit. So zerfällt der große Ba'al in die vielen kleinen Ba'alim Baalim-in-hebraeischen-Buchstaben, in die Unzahl seiner lokalen Varianten.

Massenware

Nicht nur bei Jahwe-Anhängern hat das Wort Ba'alim einen abfälligen Klang, sondern auch in der Archäologie könnten sich abwertende Tendenzen einschleichen, weil der Herr des Himmels in unzähligen kleinen Figürchen ausgegraben wird. Körbevoll fände man ihn in manchen Ausgrabungsschichten, und schubladenvoll läge er dann in manchen Museen, so hörte ich sagen, habe aber leider keine Fotos davon. In den Ausstellungen und im Internet werden nur die einzelnen Prachtburschen gezeigt, nicht der Ramsch. Bei den Aschera-Figürchen ist man da nicht so vornehm auf deren Würde bedacht. Von ihr gibt es Gruppenbilder, die das massenweise Auftreten anschaulich machen. Die Ba'alim sind ebenfalls Massenware, auch wenn jeder einzelne von ihnen tapfer voranschreitend in Bronze gegossen wurde, einen Arm entschlossen nach vorne gereckt, Blitze schleudernd in Richtung seiner Gegner, den anderen Arm hinter dem Kopf erhoben mit der Donnerkeule bereit zum Zuschlagen. Jeder will sich herrlich und mächtig fühlen, aber in der billigen Vielzahl der Figürchen wird die Pose fast schon lächerlich. Bitte ahmen sie diese ba'alsche Körperhaltung ein paar Sekunden lang nach und spüren sie im eigenen Leib die alles verachtende Macht dieses Göttchens und den darin eingebetteten Impuls, voller Stolz über Leichen zu gehen. Mit der massenweisen Herstellung und Anbetung dieser Idole bekommen ganze Kulturen den Beigeschmack von Selbstüberhebung und Skrupellosigkeit. Ich denke, so sind die Herren gemeint, von denen Josua redet.

3 Statuetten des Wettergottes

Drei Statuetten des Wettergottes aus der Spätbronzezeit (v.l.n.r.):
1. Der kanaanitische Wettergott aus der Sammlung Sheldon and Barbara Breitbart, Foto MET
2. Der Reschef oder Melqart von Sciacca, eine phönizische Figur von der Küste Siziliens, Museo Archeologico Regionale Palermo, Foto von nearEMPTIness.
3. Der Ba'al aus Minet el-Beida, Ugarit, Foto Musée du Louvre.
Das heraufziehende Gewitter mit Blitz und Donner war sein Markenzeichen. Namen wurden ihm viele gegeben: Ba'al, Hadad, Melqart, Reschef, Teschub usw..

Ein Kollektivum

ausgedrückt durch eine andere Schreibweise: Bagalee statt Ba'alej

Im Status Constructus wird das Herrentum dann spezifiziert durch das, worüber geherrscht wird und woraus das Herrentum seine Kraft saugt. Weil ich den Begriff hier mit dieser durch den Ba'alskult religiös gefärbten Bedeutung verwenden will, sträube ich mich gegen "Jericho's Herren". Diese simple Übersetzung wäre eine Verharmlosung des gemeinten Herren-Begriffs. Und hinter der Ba'alej-irgendeiner-Stadt vermute ich nicht nur die Mehrzahl ihrer Einwohner und Hausbesitzer, sondern ein spezifischeres Kollektivum. Damit das hörbar wird, schreibe ich den Buchstaben Ayin in der Mitte von Ba'al hier nicht mehr als ein schwaches Apostroph, sondern ersetze dieses durch den Buchstaben G. Weil das G schon als Wiedergabe des hebräischen Buchstabens Gimel belegt ist, kann damit das Ayin zwar nicht korrekt transcribiert werden, aber so bekommen unsere Ohren wenigstens eine ungefähre Ahnung von der Bagalee-Jericho. Als Bezeichnung dieses Kollektivs verwende ich Bagalee gramatisch auch im Singular.

Die Bagalee-Jericho erkennbar machen aus den Bagalee-Vonwoanders

Die Bagalee-Sichem

Die dichteste Ansammlung des Begriffs Bagalee-einer-Stadt findet sich im Buch Richter im neunten Kapitel. Es geht um die Stadt Sichem. Abimelech, ein Sohn des Richters Jerubbaal, möchte König werden. Es gibt zu der Zeit noch keine Könige in Israel, aber doch hier und da bei manchen Richtern Tendenzen in diese Richtung. Abimelech, sein Name könnte als "Königsvater" oder als "Mein-Vater-ist-König", also als Aufforderung zur Dynastiegründung gelesen werden, dieser Abimelech beredet die Brüder seiner Mutter, sie sollen in der Bagalee-Sichem darauf hinwirken, dass ein Sichemiter, also Abimelech, die Vorrangstellung erhalte gegenüber der verteilten Macht der siebzig Söhne Jerubbaals. Die Verwandtschaft soll an die lokalpatriotischen Instinkte der Bagalee-Sichem appellieren, dass sie einen der ihren, nämlich Abimelech zum König erhebe. Die Onkels machen ihre Flüsterpropaganda gut. Die Bagalee-Sichem lässt sich für Abimelech gewinnen und unterstützt sein Vorhaben mit der beträchtlichen Summe von siebzig Lot Silber aus dem Tempel des Bundesbaals. Wer dieser "Herr des Bundes" ist, wird diskutiert. Es handelt sich vielleicht um eine ba'al-lastige Version von JHWH-Synkretismus. Sichem ist eigentlich der Ort des Bundes zwischen JHWH und seinem Volk Israel. JHWH müsste der Herr des Bundes sein. Der Name des Tempels aber und das Verhalten der Bagalee-Sichem klingt mehr nach Ba'al als nach JHWH. Mit dem Geld des Bundesbaals heuert Abimelech einen Haufen Söldner an, mit denen er dann seine siebzig Halbbrüder niedermetzelt. Und die Bagalee-Sichem macht den siebzigfachen Brudermörder Abimelech zum König Israels bei der Eiche mit dem Malstein, die bei Sichem steht (Richter 9,6).

Was die Bagalee-einer-Stadt kann und tut

Die Bagalee-einer-Stadt macht Politik, verfügt über den Tempelschatz, spielt mit bei Intrigen, unterstützt einen blutigen Putsch und erhebt einen der ihren zum König über das ganze Land. Es ist nicht die Bagalee-einer-heidnischen-Stadt, die so agiert, sondern es ist die Bagalee der israelitischen Stadt Sichem. Wohl aber dürfte das eine Variante des gesellschaftlichen und religiösen Musters sein, das Josua als Bagalee-Jericho sieht, gegen das Israel bei der Eroberung Jerichos zu kämpfen hat. Und dieses Muster, diese Art von Herrentum, sollte mit der magischen Vernichtung Jerichos vernichtet werden. Eigentlich muss der Begriff "Herren" doppelt in den Plural gesetzt werden: Die erste Mehrzahl der Herren ist das Führungskollektiv eines jeden Stadtstaates. Die zweite Mehrzahl ist die Zusammenfassung all dieser Führungskollektive zu einem Muster. Weil es grammatisch keine Doppelpluralisierung gibt, heißt die Bagalee-Jericho auch nur Bagalee, obwohl das sehr viele "Bagaleen" sind, die nach dem Muster von Jericho den ganzen Kulturraum von Kanaan bis weit nach Norden beherrschen. Das versuche ich mit der hässlichen Wortbildung "Herrentümer" auszudrücken.

Jotams Baumkönigfabel

Das heftige neunte Kapitel des Richterbuches enthält außer dem gehäuften Vorkommen von Bagalee auch noch eines der wichtigsten anti-royalistischen Stücke der Weltliteratur, nämlich die Fabel von den Bäumen, die sich einen König wählen wollten. Jotam, der einzige überlebende Sohn des großen Richters Jerubbaal, erzählt diese Fabel als Verfluchung des Aufsteigerkönigs Abimelech samt seiner Bagalee-Sichem. Jotam wehrt sich also mit der Waffe der Fabeldichtung gegen die Ausrottung seiner Verwandtschaft. Die Jotams Fabel ist eine verbale Rache für seine ermordeten Brüder. Zugleich ist diese Fabel eine sehr präzise und tiefgehende Kritik an der gesellschaftlichen Konstruktion von Königtum. Und der in dieser Fabel vorkommende König-Dornstrauch ist durchaus kein einfaches Symbol für Abimelech, sondern ein zweischneidiges Schwert mit weitreichenden symbolische Ausläufern vom brennenden Dornbusch des Mose bis zur Dornenkrone des Jesus von Nazareth. Schon im Fortgang der Abimelech-Erzählung erweist sich Jotams Kritik als richtig und sein Fluch als wirksam.

Der König fällt mit der Bagalee

Die Bagalee-Sichem betätigte sich zeitweise auch in einer Art Raubrittertum, sie legte Hinterhalte auf den Bergpässen und raubte jeden aus, der vorrüberkam (Richter 9,24), ob das schon dazu dienen sollte, den selbst gemachten König wieder zu schwächen, ist nicht ganz klar. Nach dreijähriger Königsherrschaft des Abimelech folgt die Bagalee-Sichem den Einflüsterungen eines neuen Ehrgeizlings (Richter 9,26) und möchte nun tatsächlich die Königsherrschaft Abimelechs beenden. Der Konflikt endet in einem Massaker. Abimelechs Truppen verbrennen etwa tausend Menschen in Sichem. So erfüllte sich die eine Seite des zweischneidigen Fluches aus Jotams Baumkönigfabel. Feuer ging aus vom Dornstrauch und verbrannte die hochragenden Zedern, nämlich die Bagalee-Sichem. Abimelech selber stirbt später im Krieg gegen die Bagalee einer anderen Stadt (Richter 9,51), bei deren Belagerung ihm eine Frau mit einem vom Dach der Burg herab geworfenen Mühlstein den Schädel zerschmettert. In Anlehung an die Fabel könnte das so formuliert werden: Feuer ging aus von diesem Staatsmachermuster und verbrannte den Kurzzeitkönig. So erfüllte sich die andere Seite des Fluches. Abgesehen aber von der Mühlstein werfenden Frau, ist die Bagalee-jeder-Stadt wohl eher ein Männerclub. Das Buch der Richter arbeitet an derselben religiösen Front wie das Buch Josua.

Die Bagalee-weiterer-Städte

Nicht nur im neunten Kapitel des Richterbuches, mit seinem gehäuften Vorkommen des Begriffs, sondern auch an den anderen Stellen seiner Verwendung geht es um sehr gewalterfüllte Zusammenhänge. Die Bagalee-Gibea vergewaltigt und ermordet eine Frau (Richter 20,5). Die Bagalee-Kegila würde laut einer Gottesbefragung den dort untergeschlüpften David samt seinen Leuten an den heranrückenden Verfolger Saul ausliefern, deshalb ziehen die Verfolgten noch rechtzeitig aus Kegila weg (1.Samuel 23,12). Und von der Bagalee-Jabes werden die Leichen Sauls und Jonathans ehrenhafterweise den Philistern gestohlen und an David ausgeliefert (2.Samuel 21,12). Die Bagalee-einer-Stadt ist niemals ein harmloser und gesitteter Hausbesitzer-Verein.

Es mag irgendwo andere Textstellen geben, wo Ba'al einfach nur Herr oder Besitzer von irgendetwas bedeutet, und es wäre denkbar, dass Ba'alee nur als Plural-Constructus so eines harmlosen Zusammenhangs verwendet würde, aber gegen diese Denkbarkeit und gegen die einfache lexikalische Übersetzung als "Herren" steht das tatsächliche Vorkommen des Begriffes. Immer wenn Bagalee in Verbindung mit einem Städtenamen auftaucht, geht es brutal und skrupellos zu. Eine Übersetzung des Begriffes mit "Einwohner von..." oder "Bürger von..." würde diesem Gewaltpotential nicht gerecht. Die Bagalee-einer-Stadt ist eine zumindest kriegerische, nach modernen Maßstäben oft sogar kriminelle Oberschicht, ein Männerkollektiv von großer Selbstherrlichkeit und wenig Moralbewusstsein. Vielleicht gab es auch friedliche Zeiten jener Stadtstaaten, nur waren diese und die vielleicht anständige Bürgerlichkeit mancher Bagalee einfach nicht eindrücklich genug, um aufgeschrieben zu werden, so dass wir jetzt einseitig nur die dramatischen und hässlichen Aktionen der Herrentümer in den Texten finden. So eine freundliche und relativierende Annahme wäre aber wesentlich spekulativer als meine textbasierte Konstruktion von Bagalee-einer-Stadt.

Der Begriff Bagalee in anderen Zusammensetzungen, anstelle eines Städtenamens

Die Bagalee-des-Schwures oder Abraham's Eidgenossen (Sorry, ihr lieben Schweizer)

Im Ersten Buch Mose, vierzehntes Kapitel, wird erzählt von einem sehr erfolgreichen Kriegszug des Königs Kedor-Laomer von Elam, gemeinsam mit seinen drei verbündeten Königen gegen fünf andere Könige, die von ihm abgefallen waren. Kedor-Laomer führt die Bewohnerschaften aus den Städten der Verlierer-Könige als Gefangene davon. Nur befindet sich unter den Gefangenen auch ein Neffe Abrahams samt Familie. Als Abraham davon erfährt, bewaffnet er seine mehr als dreihundert Sklaven und mobilisiert außerdem seine Verbündeten bei den Amoritern, nämlich die Brüder Mamre, Eskol und Aner. Diese drei waren "Bagalee des Bundes-Abrams", Herren des Schwures, Eidgenossen, Verschworene, Verbündete oder wie auch immer man diese Bagalee-Verknüpfung übersetzen mag (1.Mose 14,13). Abrahams Bagalee-des-Schwures jagt den siegreichen Königen hinterher, überfällt sie nachts, befreit die Gefangenen, vertreibt die nun flüchtigen Könige bis nördlich von Damaskus und bringt dann die Befreiten und das zurückgewonnene Beutegut zurück in ihre Städte.

Weder Abraham noch seine Bundesgenossen treten als Bürger einer Stadt oder als Könige eines Reiches auf, aber als eine Bagalee aus Beduinenclanführern mischen sie sich in einen bereits entschiedenen Krieg zwischen mindestens neun Königen ein und kehren das Kriegsergebnis um. Auch hier ist Bagalee eine sehr kämpferische Männervereinigung und die Basis der gemeinsamen Kriegsaktion ist ein Schwur, ein ritueller Bund, der wohl schon vor dieser erzählten Aktion, in irgendeiner Bündnispartnerschaft zwischen Abraham und seinen Schwurgenossen bestand.

Weiteres Vorkommen des Begriffs in der Bibel

Außer dieser Bagalee-des-Schwures unter Abrahams Führung, taucht der Begriff Bagalee im Ersten Buch Mose auch noch in der Segnung Josefs durch Jakob auf. Eine Bagalee-der-Bogenschützen erscheint da als eine eventuell auftretende Bedrohung, gegen die Josef durch den Segensspruch geschützt werden soll (Erstes Buch Mose, Kapitel 19, Vers 13).

Eine Bagalee-Bamoth wird erwähnt im Vierten Buch Mose, Kapitel 21, Vers 28, in einem Kriegslied Sihon's, des Königs der Amoriter, gegen Moab. Da heißt es: "Feuer ging aus von Heschbon, der Stadt Sihon's und fraß Ar Moab, die Bagalee-Bamoth des Arnon." Heschbon ist der Regierungssitz Sihon's, beide werden in diesem Lied als siegreiche Angreifer gefeiert. Die Verlierer dagegen, die von Feuer gefressen werden, sind Ar Moab und die Bagalee-Bamoth des Arnon. Arnon ist ein Gebirgsfluss im Lande Moab. Ob Ar der Name der Hauptstadt von Moab ist, ist nicht ganz klar, aber wie Sihon mit seiner Hauptstadt Heschbon zusammen gehört, so wird Ar Moab gleichgesetzt mit der Bagalee-Bamoth vom Arnon. Die Hügelherren vom Arnon-Fluss sind die Herrscher Moabs, die nun besiegt wurden. Für uns hier ist nur wichtig, dass die Bagalee in einem eindeutig kriegerischen Zusammenhang erscheint und mit dem Stichwort Bamoth müssen nicht unbedingt natürliche Hügel gemeint sein, sondern es könnten mindestens genauso gut Opferhöhen, also Openair-Heiligtümer sein. Dann würden die kriegerischen Herren aus Moab sich über religiöse Anlagen identifizieren.

Zuletzt noch im Buch Nehemia, Kapitel 6, Vers 18: Da ist die Bagalee-des-Schwures nicht mehr ganz so bedrohlich, sondern nur eine Verwandtschaftsbande, die Nehemia daran hindern will, Jerusalem wieder aufzubauen.

Der Begriff Bagalee auch in nicht-biblischen Quellen

Die Bagalee-der-Zisternen und die Bagalee-der-(Kriegs)Wagen

Nach den biblischen Beispielen soll zumindest noch ein außerbiblisches Vorkommen von Bagalee angeführt werden. Im aramäischen Königreich Sam'al, dem heutigen Zincirli in der Türkei, freut sich der König Bar-Rakkab, dass die Bagalee-der-Zisternen und die Bagalee-der-Wagen hinter ihm stehen, seine Königsherrschaft also gesichert sei. Es geht wohl nicht um Wasserspeicher von einfachen Kleinbauern, sondern um bituminierte Zisternen, also krisensichere Wasserversorgungsanlagen der gehobenen Klasse. Und bei den Wagen handelt es sich wohl um Kriegswagen. Die Liga der Zisternen-Besitzer und die Liga der Kriegswagen-Besitzer sind die beiden Herrentümer zur Absicherung des Königreiches.
Siehe: Dagmar Kühn. The Aramaeans in Ancient Syria. S.44 in: Handbuch der Orientalistik Vol.106 2014

Die Bagalee spielt an der Grenze zwischen Stamm und Staat

Die Erzählungen, in denen der Begriff Bagalee wichtig ist, spielen an der Grenze zwischen Königreich und vorstaatlichen Clan-Strukturen. Bei Abimelech ist es das Herrentum von Sichem, das ihn zum König macht und das später versucht, ihn wieder abzusetzen. Diese Erzählung im Buch Richter, Kapitel 9 ist das dichteste Vorkommen des Begriffs Bagalee und zugleich seine deutlichste Anwendung. Alles dreht sich da um's Königwerden. In der letztlich misslingenden Gründung eines Königreiches ist die Bagalee-Sichem das zentrale Gegenüber des Königskandidaten Abimelech. Die biblische Erzählung aber ergreift Partei gegen beide Hauptakteure, gegen die Bagalee und gegen Abimelech. Sagen wir es ganz fromm: Die Bibel steht auf der Seite des scheinbaren Verlierers Jotam mit seiner Baumkönigfabel und verwirft sowohl den König als auch die Bagalee, die ihn dazu macht.

Bei den anderen Stadt-Herrentümern im Richterbuch, sind es sehr selbständig Recht oder Unrecht setzende Kollektive, die also sehr unstaatlich, aber anstelle eines nicht vorhandenen Staates handeln. Auch in den beiden Samuel-Büchern verhalten sich die Bagaleen als quasi halbstaatliche Machtinstanzen. Die Bagalee-Kegila steht zwischen den beiden gesalbten Königen Saul und David. Die Bagalee-Jabes raubt die Leichname Saul's und seines Sohnes, König und Kronprinz einer misslungenen Dynastie-Gründung. Damit rettet diese Bagalee die schon auch magisch gedachte Ehre des im Entstehen begriffenen Köngreiches und übergibt die Toten dem neuen Köngisanwärter David, doch wohl zur Fortsetzung des schwierigen Unternehmens Reichsgründung.

Bei Abraham ist es ein Bündnis von Beduinen-Clan-Chefs, die gegen Könige quasi Krieg führen.

Und der biblische Befund wird abgerundet und historisch bestätigt durch die außerbiblische Verwendung des Begriffs. Im aramäischen Königreich Sam'al sind es zwei kriegswichtige Bevölkerungsgruppen, auf die der König zur Stabilisierung seiner Herrschaft angewiesen ist.

Bagaleen, hier behelfsweise übersetzt als Herrentümer, werden sowohl in den biblischen als auch außerbiblischen Texten jener Zeit (welcher Zeit?) verstanden als die Vorstufen von Staaten und als ihr wichtigster, aber hochproblematischer Entstehungskeim.

Die Frage nach den Vorformen von Staatlichkeit

In unseren gängigen Geschichtskategorien haben Staaten und insbesondere Königreiche ihren allzu selbstverständlichen Platz. Auch für vorstaatliche und außerstaatliche Gesellschaftsformen wie Clans und Lineages und Stammesverbände haben wir einiges an Vorstellungsmaterial in den Köpfen, Büchern und Medien. Wie aber müsste der Übergang von einer Form zur anderen gedacht werden?

Aus welchen kulturellen Brutstätten schlüpfen Staaten aus?

Was braucht ein Noch-nicht-König als Startrampe zur Gründung seines Reiches? Was braucht ein wackelnder Noch-König für die Stabilisierung seiner Herrschaft? Woher nimmt er seine Durchsetzungskraft? Woraus gewinnt er Respekt? Agiert er als Warlord, als Hauptmann einer Räuberbande, die Schutzgeld erpresst?

Der Noch-nicht-König David, nachdem er mit seiner Kriegertruppe eine Zeit lang die Viehherden des Reichen Nabal beschützt hat, erwartet eine Bezahlung und wird wütend, als Nabal diese Dankesprämie verweigert. Oder ist der zukünftige König zunächst ein Söldnerführer, der sich und seine Truppe vermietet an schon bestehende Reiche? Auch so lassen sich manche Elemente in den Erzählungen über David verstehen. Ganz ähnliche Verhältnisse und Verhaltensweisen finden sich viele Jahrhunderte später in den Geschichten der germanischen Reichsgründungen. Die germanischen Könige waren zunächst so eine Art Anführer von Söldnertruppen im Auftrag des Imperium Romanum oder in den Heerscharen Attilas, bevor sie dann selbst die Macht übernahmen. Oder ist es der junior Clanchef einer großen Nomadensippe, die ihren fähigsten Sprössling in neue Machthöhen puscht? In allen Fällen müsste es eine Gruppe von tatkräftigen, einflussreichen Akteuren sein, kriegerische, kampfstarke Typen, die aus eigener Initiative handeln.

Eine Räuberbande aber macht noch keinen Staat. Ihr Hauptmann kann nicht in Ehren alt werden. Sobald er Schwäche zeigt wird er ersetzt durch den nächstbesten Nachfolger, der nur brutal und/oder heimtückisch genug sein muss, seinen Vorgänger zu beseitigen. Um aus einer Räuberbande eine längerfristig stabile Gesellschaft zu machen, braucht es einen gemeinsamen Ehrenkodex und ein stabiles Gruppenzugehörigkeitsgefühl. Nicht nur Kampfkraft nach außen, sondern mehr noch Zusammenhalt nach innen ist da gefragt. Und die individuelle Treue zu einem charismatischen Anführer reicht bei weitem nicht als Bindemittel für ein Generationen überdauerndes Staatsgebilde.

Auf welchem Boden wächst eine neue Moral

Wo soll die Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit herkommen, wenn die Mitwirkenden zugleich skrupellos und ehrgeizig sind und dies in ihrer historischen Situation auch sein müssen? Wie soll Vertragstreue entstehen, wenn es noch keinen Staat und kein Gericht gibt, vor dem Vertragsbruch eingeklagt werden könnte, keine Polizei die einen Verräter jagen könnte, keine Gesetze an die sich alle, auch die Stärksten halten müssten? Die Räuber fügen sich nur dem Stärkeren, halten Bündnisse nur ein, solange es einen Vorteil bringt. Was für eine gesellschaftliche Instanz könnte es sein, die zwischen solchen Banditen eine Moral installiert? Eine Kraft von außerhalb der internen Konkurrenz wird gesucht. Ein Akteur wird benötigt, der garantiert nicht selber König werden will, der aber irgendwie Macht hat über die Räuber, über den Hauptmann und über potentielle, andere Hauptleute. Eine quasi geistige, wohl doch religiöse Vorstufe von Staatlichkeit wird gesucht, an die appelliert werden kann und auf die sich die Banditen verpflichten lassen. So eine religiöse Einbindung funktioniert nicht über pragmatische Machtinteressen, auch nicht über bloß verbale Schwüre, sondern da müssen tiefwirkende Rituale durchlaufen werden, die in der Seele der Teilnehmenden starke Eindrücke hinterlassen und mit den im Ritual erlebten Ängsten und Lüsten neue, belastbare Bedeutungsebenen installieren.

5 schwarz-weiss Zeichnungen von Mondgottstelen

Josuas Rede gegen die Bagalee-Jericho

Josuas Rede könnte zwei Modelle der Staaten- oder der Gesellschafts-Bildung zum Thema haben. Das eine, in Kanaan und bis weit nach Norden vorherrschende, bei Amoritern, Perisitern, Kanaanitern, Hetitern, Girgaschitern, Hiwitern und Jebusitern, ist das Modell der Bagalee-Jericho. Eben dieses will Josua ausrotten. Jericho, die magische, die Kultur schaffende, die Muster gebende, die Geburtsstadt all der Herrentümer muss vernichtet werden. Das magische Denken sieht in der Wurzel den Angriffspunkt, um gegen den daraus gewachsenen Baum vorzugehen. Mit der Zerstörung Jerichos sollen deren Nachahmer ihrer Kraft beraubt werden. Die Herrentümer sollen erschrecken über den Untergang der Vaterstadt ihres Herrentums. Denn, so sagt die Erfahrung aus Ägypten, die königliche Staatlichkeit führt in die Sklaverei. Das andere, neue Modell ist das des Hebräer-Gottes, der die sieben Mauerringe Jerichos niederreißt. Es ist das Modell, das aus Ägypten herausführt, aus der Sklaverei herausführt. Die Josua-Rede richtet sich gegen die Bagalee, nicht gegen eine Volkszugehörigkeit. Nicht die körperliche Abstammung entscheidet über Freund oder Feind, sondern eine kulturelle "DNA" soll gebrochen werden. Nicht die Völker sind das Feindbild, sondern deren Modell von Herrentum.

Nicht der König ist der Schlüssel

Wäre Staatengründung nur die Leistung, die aus der Persönlichkeit eines Dynastiegründers entspringt, dann wäre der Staat das Machwerk eines Einzelnen und bliebe eine einzelne Erscheinung, ein historischer Ausnahmefall. Wir sehen aber stattdessen in der Geschichte, dass Staatenbildung sich häufig, beinahe regelmäßig ereignet. Für unsere magische Konstellation geht es also weniger um die einzelne, charismatische Führungspersönlichkeit, die da im Zentrum steht. Wir wollen nicht die individuellen Fähigkeiten des Frontmanns kennen, sondern wir suchen die soziale, kulturelle, religiöse Struktur, die ihn trägt. Aus welchen gesellschaftlichen Schichten erwachsen die Rahmenwerke, die ein neu entstehendes Königreich tragen?

Nicht die kriegerischen Fähigkeiten sind der Schlüssel

Kriegerische Fähigkeiten tragen nicht weit. Sie werden nur wieder zerstört von noch stärkeren Kriegern. Die neu-assyrische Expansion war brutaler, skrupelloser, sadistischer als alle Bagaleen der Levante, aber die Stadtstaaten der Levante existierten vor den assyrischen Eroberungen. Sie sind nicht einfach eine Projektion der assyrischen Brutalitätserfahrung zurück in die Vergangenheit, sondern da war schon vorher was.

Nicht die Verwandtschaftszugehörigkeiten sind der Schlüssel

Verwandschaftszugehörigkeit allein reicht gerademal für Familie, Sippe und Stamm. Darüber hinaus geht schon noch ein bisschen was. Sich als Herrschaftssippe auf eine vorhandene Stadtbevölkerung zu setzen, funktionierte bei den aramäischen Fürstentümern und anderthalb Jahrtausende später auch bei den germanischen Königreichen in den römischen Gebieten. Bei beiden Vorgängen war aber staatliche Moralität, also die psychische Fähigkeit sich über Verwandtschaftsgrenzen hinweg an Gesetze zu halten, schon vorher tief eingeprägt bei den tragenden Bevölkerungsschichten, nicht bei den neu sich auf das gesattelte Pferd schwingenden Adelssippen. Diese Besetzungs- und Feudalisierungsvorgänge benutzten die bereits vorhandene Staatlichkeit der einheimischen Stadtbevölkerungen, während die neue Herrenschicht noch in ihren Verwandtschaftsbegrenzungen verharren konnte. Der herrschende Adel ist bei solchen Feudalstaaten psychosozial rückständiger als die Beherrschten. Moderner Kolonialismus mit staatlichem Herrschaftsapparat zur Unterwerfung ethnischer indigener Bevölkerungen ist nochmal anders.

Vergleiche hierzu die sehr gute Untersuchung:
Der "kulturelle Code" des "aramäischen" Gozana (Tall Halaf). von Gabriele Elsen-Novák und Mirko Novák - Bern.
Originalveröffentlichung in: Nadja Cholidis, Elisabeth Katzy, Sabina Kulemann-Ossen (Hg.), Zwischen Ausgrabung und Ausstellung. Beiträge zur Archäologie Vorderasiens. Festschrift für Lutz Martin (Marru, Bd. 9), Münster 2020, S. 139-171; Online-Veröffentlichung auf Propylaeum-DOK (2024), DOI: https://doi.org/10.11588/propylaeumdok.00006214

Josua's Rede passt nicht zu kolonialen Staatsmodellen

Josua's Rede passt nicht zu feudalen oder kolonialen Staatsmodellen. Das ist wichtig festzuhalten. Die archäologischen Befunde von Tell Halaf, insbesondere die Bestattungssitten und der Totenkult, können so interpretiert werden, dass die Fürstenfamilie von Palê (so die Selbstbezeichnung des Stadtstaates), alias Bit Bahiani (so die Bezeichnung im Vergleich mit den anderen Staaten dieser Art) einer anderen Kultur und Bevölkerung angehört, als die schon länger dort ansässige Stadtbewohnerschaft. Die Herrenschicht hatte andere Bestattungssitten als die übrige Bevölkerung. Die aramäischen Staatsgründungen, nicht nur beim Bit Bahiani, sondern wohl auch bei den anderen Staaten dieser Art, bestanden anscheinend darin, dass ehemals nomadisch lebende Clans sich als neue Herren auf schon länger bestehende Stadtstaaten setzten.

Bezöge sich Josuas Rede auf dieses Modell der von außen als aramäisch bezeichneten, ethnischen Konstrukte und Staatsgebilde, dann wäre sie die Ablehnung dieser Art von Feudalstaatgründung durch Herrschaft über die indigene Bevölkerung. Stattdessen würde Josua das skrupellosere Modell propagieren: Vernichtung der einheimischen Bevölkerung, um das eigene Volk an deren Stelle zu setzen. Diese Interpretation übersieht aber die Rolle Jerichos in Josua's Rede und Vorgehen. Die Hebräer setzen sich eben nicht in Jericho anstelle der bisherigen Bevölkerung fest. Und auch wo andere Städte Kanaans erobert und bewohnt werden, geschieht dies nicht im genannten brutal-kolonialen Sinn, weil da nämlich die magische Rolle Jerichos nicht vorkäme, die im biblischen Narrativ so eine zentrale Rolle spielt. Ginge es nur darum, die bisherige Bewohnerschaft aus den anderen eroberten Gebieten zu vertilgen, dann gäbe es keine magische Bedeutung Jerichos für die Gebiete der sieben Völker, sondern jeder eroberte Stadtstaat stünde nur für sich selbst und könnte für sich selber erobert und ausgerottet werden. Eine solche ganz pragmatische Denkweise ist eine moderne Missachtung der magischen Zusammenhänge, in denen die Akteure des biblischen Narrativs und ebenso die Akteure anderer Erzählungen aus vorhistorischen Zeiten denken, reden und handeln. Diese andere Matrix ist nicht weniger brutal, soll also hier nicht unbedingt moralisch in Schutz genommen werden, aber um die Erzählung zu verstehen, muss man diese Matrix ernst nehmen und ihren Fäden folgen.

Josuas Rede gegen die Herren Jericho's ist also keine Parteinahme für die brutalere Form des Kolonialismus, sondern er kämpft einen magischen Kampf gegen ein Herrentumsmuster, gegen ein Staatbildungsmodell, dessen magischen Ursprung er in Jericho sieht. Und das müsste dann ein älteres Modell sein, als das "aramäische". Nur in sehr viel älteren Zeiten hatte Jericho Bedeutung als mustergebende Stadt, als magisches Zentrum.

Mensch und Staat

Die herausragende Eigenschaft des Homo sapiens ist es, dass er über Verwandschafts- und Abstammungs-Grenzen hinaus in großer Zahl zusammenarbeitet. Wie machen die das, diese Lebewesen vom Typ Homo sapiens? Es geht nicht automatisch, "von Natur aus", sondern es geht von der Kultur aus. Welche magischen Mittel braucht eine Gesellschaft, um vom moralischen Niveau der Räuberbande (der Stärkere hat Recht) aufzusteigen in das moralische Niveau eines Staates (die vereinbarten Regeln werden eingehalten)? Welche Macht bezwingt die Mächtigen? Das ist die Frage nach der Religion. Welche religiösen Kräfte binden die kampfstarken, aber auch selbstherrlichen und ehrgeizigen Akteure zusammen und ordnen sie ein ins Allgemeinwohl?

Der Schlüssel des Jericho-Modells

Noch haben wir den Schlüssel des Jericho-Modells nicht begriffen. Wir sehen die Bagalee-Jericho, aber wie aus ihr die Königreiche hervorgehen können ist noch unklar. Mit welcher Magie schaffen die Herrentümer der Stadtstaaten im vorderen Orient ihren inneren Zusammenhalt? Welcher nicht-körperliche Akteur ist so beeindruckend, dass die kriegerischen Herren vom Bagalee-Typ sich mit ihm identifizieren können und sich von ihm zu einem Kollektiv zusammenbinden lassen? Und welches Ritual verankert die staatliche Moral in den Herzen der Mächtigen?

Ba'al und Aschera schaffen nur die Landwirtschaft in patriarchaler Form

Ba'al liefert die Machtpose für die Könige und für viele andere Herren. Im Besitz aller Macht stürmt er daher. So lieben sie ihn. Sie wollen sein wie er. Auf welchem Weg aber kommt Ba'al zu seiner Macht, wo doch all die anderen kleinen Ba'alim genauso danach gieren? Die Aschera macht aus seiner Kraft Kälber und Kinder, Getreide und Baumfrüchte, einfach alles was lebt. Die hormonelle Entsprechung für Ba'al wäre Testosteron, für Aschera könnte Östrogen oder Oxytocin passen. Ba'al und Aschera schaffen nicht viel mehr als die Landwirtschaft in patriarchaler Form, das heißt die ganze Welt ist getrimmt auf Fruchtbarkeit und Stärke, also familien- bzw. stammes-egoistisch, auch ein bisschen despotisch, ein bisschen kriegerisch, aber nicht staatlich, obwohl natürlich alle Stadtkönige ihren jeweiligen Ba'al hochhalten. Das bloß binäre Weltbild aus Papa Himmel und Mama Erde bestimmt die Rollen, Papa und Mama, in der Familie. Um einen König zu machen, besser gesagt: um ein Königreich zu machen, das mehr ist als nur eine Räuberbande, braucht es mehr Moral, mehr Religion. Von der gesellschaftlichen Seite der Herrentümer Jerichos haben wir jetzt eine Ahnung. Wie sehen die Bagaleen auf der religiösen Seite aus? Dass der Ba'al dafür nicht reicht, ist klar. Wir müssen uns den Mondgott ansehen, den Jarich von Jericho und den Sin von Harran und vielleicht sogar noch den Nanna-Sin von Ur.

Foto der Mondgottstele von Gaziantepe

Schriftzug Rahab auf Rahab und die rote Schnur

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Landkarte des vorderen Orients mit den Fundorten oder Standorten der Mondgott-Stelen mit Stierkopf

Ugarit ist der wohl wichtigste Ausgrabungsort von Texten über Jarich. Der hat sehr viel zu tun mit dem Reich der Toten und zwar besonders mit den Toten der königlichen Dynastie. Die nächtlichen Opferrituale im Haus des Königs, in der Palastkapelle und an der Begräbnisstätte erzählen von einem Mond, den wir so noch nicht kannten. In welchem Verhältnis stehen die Keilschrifttexte aus Ugarit zu den Mondgott-Stelen mit Stierkopf?

Jarich der Mondgott von Ugarit

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