Die Akteure der Geschichte im Buch Josua handeln in einer anderen Matrix als in der, die wir gemeinhin für die Wirklichkeit halten. / Teil 14 / Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 2025nov21
Daniel Stein Kokin hat die Labyrinth-Bilder besonders auf ihren Ort in der Frömmigkeit der jeweiligen Entstehungszeit untersucht. In seinem Aufsatz "The Jericho Labyrinth: The Rise and Fall of a Jewish Visual Trope" stellt er zuerst die erstaunliche Zurückhaltung des Judentums gegenüber dem Labyrinth-Motiv fest. Ich überzeichne jetzt etwas, weil mir diese Beobachtung Stein Kokin's sehr wichtig zu sein scheint: Kein Fußboden einer Synagoge ist bekannt, der von einem Labyrinth-Mosaik geziert würde, während sowohl römische Bauherren als auch später die Kirche von diesem Bodenmuster fasziniert waren. Die jüdische Tradition widerstand auch der Versuchung, Labyrinthe als komplexe und schöne Graphiken in ihre Bücher zu zeichnen, bis Joseph von Xanten es aus irgendeinem Grund für nötig hielt, diese Tradition mit einer Ausnahme weiter zu entwickeln. Auch auf der Angebotsliste des Meditations-Marktes im Judentum gab es Vorbehalte gegen die achtsamen Labyrinth-Erfahrungen. Erst in jüngster Zeit scheint sich diese Zurückhaltung hier und da und dort etwas zu lockern. Während es sowohl in der heidnischen wie in der christlichen Welt von Labyrinth-Darstellungen in vielen unterschiedlichen Zusammenhängen nur so wimmelt, gibt es in der jüdischen Tradition nur ein einziges Thema, bei dem dieses Motiv auftritt, nämlich: Jericho.
Es wäre keine jüdische Diskussion, wenn nicht andere Jüd*innen anderer Meinung wären. Die kabbalistischen Labyrinthe wie bei Shoshana Gugenheim sind, glaube ich, meist jüngeren Datums. Historisch ist zumindest eines, nämlich das aus dem Sefer Pardes Rimonim von Rabbi Moses Cordovero aus dem 16.Jahrhundert, das die Sefiroth aus Buchstaben als quasi-Labyrinth nachbildet. Bei Shoshana Gugenheim ist noch eine weitere Graphik der Sephiroth abgebildet, die auch nur so aussieht, als wäre es ein Labyrinth, stattdessen sind es konzentrische Kreise, die von einem geraden Pfeil zum Zentrum durchquert werden. Da schlägt die Kabbalistik den Bogen zu sehr ähnlichen Felsritzungen aus neolithischen Zeiten. Die genannte jüdische Abstinenz in Sachen Labyrinthe hat dennoch ihre Bedeutung. Dies wird sich besonders beim Jericho-Labyrinth des Joseph von Xanten erweisen.
Jericho im Labyrinth, Abbildung 1: Hebräische Bibelhandschrift des Joseph von Xanten, 1294 n.Chr., Band 2 gleich auf der ersten Seite bevor der Text beginnt, New York Public Library, Spencer-Collection Hebrew Ms 1 folio1r, bei Kern Nr.221.
Großartig und liebevoll verziert beherrscht Rahab's Haus die Szenerie. Von der Hauswand hängt außerhalb des Labyrinths das Seil herunter. Am Fuß der Mauer sieht man einen missgelaunten Hundekopf auf schwarzem Grund.
Das Labyrinth ist in schlichten Linien gezeichnet und die Häuser Jericho's sind nur ganz klein
im Zentrum angedeutet.
Abbildung 2: Frascati-Codex, 1326 n.Chr., Biblioteca Angelica Rom, Ms Or72 fol6v, aus Stein Kokin's Untersuchung. Von der hebräischen Beschriftung kann ich einiges nicht lesen, manches scheint auf dem Kopf zu stehen. Auch die graphischen Teile zeigen widersprüchliche Orientierungen. Das Gebäude mit Tor im Zentrum des Labyrinths steht verkehrt herum zu Rahab's Haus. Das Wort Magreb, Westen, am unteren Rand spricht für diese Ausrichtung, obwohl damit das Zentral-Gebäude auf dem Kopf steht. Vielleicht ist aber eigentlich Rahab's Haus das Zentral-Gebäude.
Abbildung 3: ca.1400-1450 n.Chr. Manuscript-Kopie der Taj-Torah hergestellt im Yemen, Tora und Haftarot, Rauner-Library, Dartmouth, Manuscript Codex 003265 Rauner-Library.
Das Labyrinth besteht aus einer roten Linie und hebräischem Text, der der Labyrinth-Linie folgt.
Im Zentrum steht: "Gestalt der Mauern von Jericho die sich windenden..." die letzten fünf Buchstaben krieg ich nicht zusammen. Der fünftletzte könnte Nun oder Samech oder Kaph oder Tet sein.
Den Anfang des Labyrinth-Textes kann ich auch nicht lesen, irgendwo stand, es sei Psalm 104.
Wie von Stein Kokin beschrieben, betonen die frühen jüdischen Labyrinth-Zeichnungen das Haus der Rahab. Bei diesen frühen jüdischen Handschriften mit Labyrinth, nämlich beim zweiten Band der Xanten-Bibel aus dem Jahr 5024 nach jüdischer Zeitrechnung (1294 n.Chr.) und beim Frascati-Codex von 1326 n.Chr. steht zudem jeweils das Buch Josua als erste Schrift ganz vorne im Band. Dem Eingang und dem Weg hinein ins Labyrinth gilt das Interesse der jüdischen Handschriften. Xanten ist noch dazu ein ganz besonderer Ort. Dazu kommen wir noch.
Laut Daniel Stein Kokin bedeutet Jericho in der jüdischen Tradition die Türschwelle zum verheißenen Land und mit der Gleichsetzung von "Heiligem Land" und "Heiliger Schrift" wird Jericho zum Eingang ins Studium der Schriften. Hineingehen nach Jericho und Hineingehen ins gelobte Land verschmelzen im Gefühl des Frommen mit dem Hineingehen ins Heiligtum, Hineingehen in die Bibel. Die Labyrinth-Darstellungen in den jüdischen Handschriften stehen fast immer am Anfang des Textes, während sie in den christlichen Büchern oft irgendwo in der Mitte erscheinen.
Stein Kokin verfolgt auch die textlichen Traditionslinien des Jericho-Labyrinths und findet eine Schlüsselstelle bei Rabbi Eleazar von Worms (1176 bis 1238 n.Chr.). Sein Buch "Sefer ha-Rokeach" bringt das in der Antike entwickelte Motiv von den sieben Mauern Jerichos in Zusammenhang mit den sieben Kreis-Prozessionen in der Synagoge am siebten Tag des Laubhüttenfestes (Hoshana Rabba, Palmfest) und verknüpft es mit dem Gefühl des Frommen, dass jeder Anfang heilig und gottgeweiht sei.
Aus dem ursprünglichen Ort nämlich in den biblischen Schriften im Buch Josua, wechselt das Labyrinth-Motiv hinüber in die Textgattung Yihus-ha-Avot. Das bedeutet "Stätten der Vorfahren" und bezeichnet eine Art Reiseführer für die Pilgerschaft ins Heilige Land. Ob als tatsächliche Reise nach Israel, oder ob als meditative Erinnerung an die heiligen Stätten, war zu unterschiedlichen Zeiten ein unterschiedlicher Sitz im Leben dieser reich bebilderten Texte. Fromme Geographie könnte man das Anliegen nennen und im Laufe der Jahrhunderte wandelte sich das Jericho-Labyrinth-Motiv schließlich zum bloßen Ornament. Den Holzschnitt aus dem Zikkaron rechnet Stein Kokin wohl schon zum Ausklingen des Labyrinth-Motivs in der jüdischen Tradition.
Abbildung 4: Jericho im Labyrinth in einer jüdischen Manuscript-Rolle aus dem 17. Jahrhundert. Ms.Heb.8°1187. The Jewish National and University Library, Jerusalem. Bei Hermann Kern Nr.225. Die Rolle gehört zu den Yihus-ha-Avot (Stätten der Vorfahren) Schriften, eine Art Reise-Handbuch für die Pilgerschaft ins heilige Land. Kreisfoermige Labyrinth-Zeichnung mit hebräischer Beschriftung. Sechs Umgänge in sieben Mauern. Im Zentrum steht: "Stadt Jericho". Links oben steht am äußeren Mauerring ein schräg gestelltes Quadrat als Haus der Rabab. Rechts oben Text. Unten rechts und links je eine Palme oder Lebensbaum. Über diesem Labyrinth-Abschnitt steht eine Reihe dreier Kultgegenstände, rechts außen könnte das der Behälter für die Lose Licht und Recht sein. Unter dem Labyrinth steht hebräischer Text eingefasst in ein gedrehtes Schnurmuster. Leider habe ich nur die schwarz-weiß Abbildung aus dem Labyrinthe-Buch von Hermann Kern, wo sie unter der Nr.225 aufgeführt wird.
Abbildung 5: Jericho im Labyrinth, farbige Zeichnung aus einem hebräischen Manuskript des 13.Jahrhunderts, das 1598 n.Chr. in Casale Monferrato in Italien kopiert und 1929 n.Chr. von Cecil Roth wieder publiziert wurde. Bei Hermann Kern als Nr.224. Ms Cecil Roth, The Casale Pilgrim. Rahabs Haus groß und mit rotem Seil umwunden neben dem Labyrinth-Grundriss.
Abbildung 6: Jericho im Labyrinth, Detail aus der Yihus Ha-Avot Schriftrolle, die 1549-1550 n.Chr. von Moshe Sohn des Aaron Trigero geschrieben wurde. Nachgemalt und mit einer weiteren Illustration versehen 1659 n.Chr von Abraham Mazliah. Tinte und Tempera auf Pergament. Schriften-Sammlung von Meir Benayahu, Jerusalem. Mehr auf Wikimedia-Commons. Das Haus Rahabs ist rechts oben als ein Rechteck auf die äußere Labyrinth-Mauer aufgesetzt, der Eingang des Labyrinths weist nach links unten.
Abbildungen 7 bis 9: Ausschnitte aus drei mittelalterlichen Buchmalereien, jeweils die herausragenden Tore von Labyrinthen.
Oben: Labyrinth-Tor bewacht vom Kopf eines Monsters. 9.Jhh. Manuskript Paris BNF Latin4416 folio 35.
Mitte: Labyrinth-Tor mit fein gezeichneten Riegeln. 12.Jhh. Lektionar aus dem Kloster Corbie. Bibliothèque Municipale d'Amiens Ms.147 folio 1r.
Unten: Labyrinth-Tor gemalt mit Mauerwerk und Zinnen. 14.Jhh. persisches Manuskript Staatsbibl. Berlin Preussischer Kulturbesitz Ms.344 folio 167v.
Nur das mittlere der drei Bilder bezieht sich auf Jericho, die anderen stellen andere Labyrinthe dar.
Jericho im Labyrinth, Abbildung 10: Holzschnitt aus dem hebräischen Buch Zikkaron-bi-Jerusalajim, Erinnerung an Jerusalem, das 1743 n.Chr. in Istanbul publiziert wurde.
Ein kreisförmiges Labyrinth aus sieben zinnenbewehrten Mauerringen, in der Mitte die Stadt Jericho durch ein paar Häuser und Bäumchen dargestellt. Unter dem großen Labyrinth Kreis steht ein Viereck gefüllt mit Gestalten. Auffällig im Gedränge der Gestalten zeigt sich, etwas rechts von der Mitte eine Gestalt ein Schofar-Horn blasend, wohl ein Priester oder Josua, und leicht links von der Mitte ein Kasten, wohl die Bundeslade.
Nach der Lektüre von Stein Kokin's Aufsatz fällt mir noch mehr auf am jüdischen Blick auf's Jericho-Labyrinth. Der Holzschnitt aus dem Zikkaron stellt die Labyrinth-Mauern um Jericho herum als einen geschlossenen Kreis dar. Bei anderen mittelalterlichen Labyrinth-Bildern ragen aus dem Kreis oder Quadrat des Labyrinths die Tore markant heraus (siehe: Labyrinth Doorways: Crossing the Threshold. Von Alain Pierre Louët und Jill K. H. Geoffrion. In Caerdroia 45, 2016 Seite 11ff.). Im Holzschnitt dagegen ist das Tor zwar gezeichnet, bleibt aber graphisch ganz innerhalb des Kreises. Der viereckige Block der Hebräer ist ganz betont dem Kreis gegenüber gestellt. Wollte man den viereckigen Block auf die Tore der anderen Bilder projezieren, dann wäre Josua mit Schofar-Horn und seine Hälfte der Israeliten der rechte Torflügel und die Bundeslade mit den Priestern samt der anderen Hälfte der Israeliten wäre der linke Torflügel. Der Eingang ist nicht als ein Gebäudeteil des Labyrinths gebildet, sondern die Menge der Kinder Israel selbst ist hier das Tor zum Jericho-Labyrinth. Oder ist das nur meine Überinterpretation des kleinen Holzschnittes?
Stein Kokin untersucht das Jericho-Labyrinth-Motiv aus der mittelalterlichen bis in die neuzeitliche Tradition und in seiner Verknüpfung mit der Frömmigkeit der jeweiligen Zeit. Er zeigt auch die Verankerung des visuellen Motivs in den Texten. Die Idee, Jericho mit dem Labyrinth zu verbinden, verfolgt er textlich zurück bis zur spätantiken, syrischen Schrift "Die Schatzhöhle" aus dem 6.Jahrhundert. Dort erscheint nämlich die Legende, sieben Könige als Herren von Jericho hätten die Stadt jeder mit einem Mauerring umgeben. Diese Legende wird aus der zweiten Bibelstelle (Josua 24) entwickelt, wo Josua sieben Völker als die "Herren von Jericho" aufzählt. Die sieben Herren von Jericho aus Josua, Kapitel 24, zusammengesehen mit den siebenfältigen Umrundungen der Stadt aus Josua, Kapitel 6, ergeben also die sieben legendären Mauerringe und gemeinsam mit Rahabs rotem Seil wird daraus das Labyrinth-Motiv.
Bei all dem bewegen wir uns noch ganz in der Wirkungsgeschichte des Buches Josua, also in den Arten der Auslegung dieses biblischen Buches. Wie ist das aber mit der Entstehungsgeschichte dieser biblischen Erzählung? Hat die Idee des Labyrinths auch schon bei der Entstehung des Buches Josua eine Rolle gespielt? Ist Jericho schon in der Bibel mit dem Thema Labyrinth verbunden?