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Schriftzug Rahab auf Rahab und die rote Schnur

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Viele Jahrhunderte lang wird Jericho in den christlichen Handschriften mit einem Labyrinth gemalt. Das ist ein ganz anderer Zusammenhang, in dem die Auslegung biblischer Geschichten geschieht. / Teil 15 /  Dieser Artikel wurde veröffentlicht am: 2025dez17

Jericho als Labyrinth in der christlichen Tradition

eine Seite aus einer armenischen Evangelienhandschrift, zwei Spalten schoener Schrift in rot und schwarz und am Rand eine Zeichnung von zwei Gestalten, die kleinere zeigt auf ihre Augen, die andere hebt segnend und heilend Hand. Im Hintergrund ein Stadttor mit Tuermchen und aus dem Stadttor kommt ein rotes Seil und legt sich im Halbkreis um die kleinere Gestalt.

Abbildung 11: Jericho scheinbar ohne Labyrinth. Eine Seite aus einer armenischen Evangelien-Handschrift. Jesus heilt den Blinden von Jericho. Walters Art Museum Manuscript W541 folio 164r. 17.Jahrhundert, Amida-Scriptorium, Schreiber Melkon, Illuminator Hovannes.

Jericho scheinbar ohne Labyrinth

Eine Seite aus einer armenischen Evangelienhandschrift, zwei Spalten schöner Schrift in rot und gold und schwarz und am Rand eine Zeichnung von zwei Gestalten. Die Kleinere zeigt mit der Hand auf ihre Augen, die andere hebt segnend und heilend Hand. Durch goldenen Heiligenschein mit eingezeichnetem roten Kreuz wird die größere Gestalt als Jesus gekennzeichnet, was nicht nötig gewesen wäre, da selbst noch in der Miniatur das bärtige Gesicht soviel Güte und Freundlichkeit ausstrahlt, dazu die heilende Geste der Hand, das kann kein anderer sein. Auch der Blinde ist meisterhaft gezeichnet, mit minimalen Darstellungsmitteln ist doch der bekümmerte Ausdruck im Gesicht erkennbar. Über der Begegnung der beiden Gestalten und so als Hintergrund gesetzt, sieht man ein Stadttor mit Türmchen und aus dem Stadttor fließt ein rotes und goldenes Seil und legt sich im Halbkreis um die kleinere Gestalt. Es ist die Szene, als Jesus den Blinden von Jericho heilt. Die Verknüpfung Jerichos mit dem Labyrinth ist so selbstverständlich, dass es nicht einmal mehr gezeichnet werden muss. Das rote Seil reicht völlig aus als Kennzeichnung für die Stadt Jericho und als Rückbindung der Jesus-Erzählung an die Geschichte aus dem Buch Josua.


Das Labyrinth als Gefangenschaft und Heilungsbedürfnis

Zur christlichen Symbolik des Labyrinths tragen auch die neutestamentlichen Geschichten bei, die in und um Jericho spielen. Das sind vor allem die Begegnung Jesu mit dem Zöllner Zachäus sowie die Blindenheilungsgeschichten. Das Zoll-Eintreibe-System des römischen Imperiums war eine Geisel der Menschheit. Zachäus steckt als einer der Akteure in diesem System. Zugleich leidet er sowohl unter seiner gesellschaftlichen Rolle, als auch unter seinem natürlichen Kleinwuchs, wie die Blinden unter ihrer Behinderung. Furcht einflößende Verhältnisse herrschen zuhauf in der von uns selbst gemachten menschlichen Gesellschaft und ebenso in natürlichen Gegebenheiten. Die Begegnungen Jesu in und um Jericho werden in der Bibelauslegung verknüpft mit der traditionellen Symbolik von Jericho als Labyrinth, Jericho mit den sieben Mauerringen. Das Labyrinth wird zum Zeichen der Gefangenschaft in einer von Unheil belasteten Welt.

Wir verheddern uns in unserem Schicksal. Wir werden einen Weg geführt, den wir uns nicht ausgesucht haben. Wir suchen nach einem Ausweg in verzweifelter Situation. Wir sind ausgeliefert an undurchschaubare Mächte und wir sind Mitschuldige, Mitwirkende am Bösen. So ist Jericho in den christlichen Labyrinthen mit Unheilsbedeutung belastet und darin schwingt wohl die jüdische Labyrinth-Zurückhaltung mit, quasi als Erbe von der Mutterreligion, aber diese negativen Bedeutungen des Labyrinths sind auch in den griechischen Erzählungen gegenwärtig und dürfen bei den Verstehensversuchen auch dort nicht übersprungen werden. Der Weg durch's Labyrinth ist kein harmloses Spiel, kein hübscher Tanz, auch wenn er dann so ästhetisiert wurde. Das von Daidalos gebaute Haus ist für den Minotauros bestimmt. Das Meisterwerk der Architektur ist also eine Horror-Vorstellung für beide Seiten, für das darin gefangene mörderische Monster und für die da hinein geworfenen Opfer. Und nach dem Tod der Bestie wird es für den Meister-Techniker selbst zum Gefängnis. König Minos lässt den Daidalos ins Labyrinth sperren. Zwar entkommen Daidalos und sein Sohn Ikaros mithilfe der Wachs-und-Federn-Flügel, aber Ikaros stürzt ab. Daidalos verliert seinen Sohn. Wie war doch gleich der Bannfluch Josuas gegen jeden Wiederaufbauversuch Jerichos: Wenn er die Grundmauern legt (also das Werk beginnt), soll es ihn seinen erstgeborenen Sohn kosten, wenn er die Stadttore einsetzt (also das Werk zum Abschluss bringt), soll sein jüngster Sohn sterben. Wirkt Josuas Fluch von Kanaan herüber nach Kreta? Hat ein Geschichtenerzähler die Geschichte des anderen gekannt? Nein, wir sind doch nicht abergläubisch.

Jesus der Heilsweg, Jericho die Mauern?

In der christlichen Ausprägung bildet das Erscheinen Jesu den Ausweg, die Rettung für die Gefangenen von Jericho, die Erlösung aus dem Labyrinth, alias aus der bösen Welt. Könnte man sagen, dass Jesus selbst zum roten Seil wird? Wie verhalten sich die Rettungswege von Rahab und von Ariadne zueinander? Und Kassandra ist die dritte Stufe der Tragik im Vergleich der Schicksalwege der drei Frauen. Kreta und Jericho wurden im Laufe der frühen Kirchengeschichte schon zu sehr zusammengedacht. Und Troja als eigentlich bestimmendes Motiv liegt ungenannt darunter. Wir werden Jericho, Kreta und ganz besonders Troja auseinanderdenken müssen, um sie zu verstehen.


links die Zeichnung eines Labyrinth-Grundrisses, in der Mitte Jesus mit seinen Juengern, rechts Zachaeus auf einem Baum

Jericho als Labyrinth, Abbildung 12: aus einem armenischen Evangelien-Buch von 1330 n.Chr., Mechitharisten-Congregation, Codex 242, folio 169r, Wien. Kern 222

kreisfoermiges Labyrinth mit fein gezeichneten Fluegeltueren und im Zentrum die Inschrift IERICHO

Jericho als Labyrinth, Abbildung 13: 1110-1200 n.Chr. Lektionar aus Corbie, Biblioteque Municipal d'Amiens, BM147 fol.1r, Kern219

Jericho als Labyrinth, Abbildung 14: Syrisches Liturgie-Handbuch 1059 n.Chr. Bibliotheque Nationale Paris Ms. Syriaque 70 fol.154r, Kern217.


Das armenische Evangelienbuch (Abb.12) wurde um 1330 n.Chr. auf der Krim geschrieben und illustriert, enthält aber laut Prof. Buschhausen weit älteres Material aus Kilikien, so schreibt Hermann Kern. Dargestellt ist die Begegnung Jesu mit dem Oberzöllner Zachäus, der, weil er klein war von Gestalt, auf einen Baum geklettert war, um über die Volksmenge hinweg Jesus zu sehen. Die Volksmenge ist nicht abgebildet, sondern Zachäus steht einfach so auf dem Baum. Das "weit ältere Material aus Kilikien" wäre vielleicht interessant, weil dort auch andere vorchristliche Traditionen eingeflossen sein könnten, aber leider ist das bei Hermann Kern nicht ausgeführt

Zum Liturgie-Handbuch der syrischen Maroniten (Abb.14) gibt Hermann Kern die Notiz weiter, dass es für den Priester Jakob, dessen Bruder David und beider Vater Michael geschrieben und illustriert wurde. Mit sieben Mauern und sechs Umgängen bleibt dieses Labyrinth bei der Sieben-Könige-Legende aus der Schatzhöhle.

kleines rotes Quadrat mit vier hellen Flecken

Rätselhaft ist die im Original rot gefärbte Figur im Zentrum des Labyrinths, ein Quadrat mit vier Kreisen oder Kugeln. Eine farbige Fotografie dieses Manuskripts und sehr viele weitere schöne Labyrinth-Bilder finden sich bei Jill Geoffrion. Vier Kreise oder Kugeln gehören übrigens auch zur Ausstattung der Mondgott-Stelen in Syrien. Das dürfte aber zu weit hergeholt sein für das kleine Symbölchen im Zentrum der mittelalterlichen Handschrift.


eine Seite aus einer mittelalterlichen Handschrift, viereckiges Labyrinth mit lateinischem Text darunter und daneben

Jericho als Labyrinth, Abbildung 15: mittelalterliche Handschrift aus einem Kloster in den Abruzzen, 806-822 n.Chr, BLB Sammelhandschrift Cod. Aug. perg. 229 fol61v Kern188. Neben dem Labyrinth steht: Uruem Gericho (Stadt Jericho)

Ausschnitt aus derselben Seite der mittelalterlichen Handschrift, viereckiges Labyrinth, aber mit roten Kennzahlen der Umgaenge und Pfeilen ihrer jeweiligen Richtung beim Hineingehen

Jericho als Labyrinth, Abbildung 16: Ausschnitt aus derselben Seite der mittelalterlichen Handschrift aus einem Kloster in den Abruzzen, 806-822 n.Chr, BLB Sammelhandschrift Cod. Aug. perg. 229 fol61v Kern188, bearbeitet für RoteSchnurDe: mit roten Kennzahlen der Umgänge und Pfeilen ihrer jeweiligen Richtung beim Hineingehen.

anderer Ausschnitt aus derselben Seite der mittelalterlichen Handschrift, Knotensymbol

Jericho als Labyrinth, Abbildung 17: Ausschnitt aus derselben Seite der mittelalterlichen Handschrift aus einem Kloster in den Abruzzen, 806-822 n.Chr, BLB Sammelhandschrift Cod. Aug. perg. 229 fol61v Kern188, Detail: Der Salomons-Knoten neben dem Labyrinth


Aus einem Kloster in den Abruzzen

Die älteste noch erhaltene, bildhafte Darstellung des Jericho-Labyrinths, 806-822 n.Chr

Hermann Kern schreibt, dass die Handschrift vorwiegend chronographische, computistische (Kalenderberechnung) und grammatische Texte enthält und dann in der Klosterschule Reichenau benutzt wurde. Er vermerkt auch, dass es die einzige rechteckige Labyrinth-Darstellung aus den Handschriften im Bereich der römisch-katholischen Kirche sei, und er sieht darin einen Hinweis auf vermutlich byzantinischen Einfluss.

Geographisch ist das die wichtige Verbindung zur christlichen Labyrinth-Tradition im Osten. Ohne die Jericho-Labyrinthe der syrischen und armenischen Christen wäre die westliche Kirche ganz dem mächtigen Traditionsstrom der römischen Bodenmosaike ausgeliefert gewesen. Die West-Kirche setzte sich schon früh mit den Labyrinthen der heidnischen, römischen Oberklassenkultur auseinander, das belegen die frühen Kirchenlabyrinthe in Algerien (Algier, El Asnam ca. 324 n.Chr., Kern-116). Schon im vierten Jahrhundert, kaum der Illegalität entronnen, noch nicht zur Staatsreligion erhoben, eroberten die Christen das komplizierte Muster für die Bodenbeläge ihrer Kirchen. Die symbolische Bedeutung des Labyrinths für das Imperium scheint beträchtlich gewesen sein. Es gab aber wohl im Westen keine eigene, christliche Tradition, sondern Theseus und Minotauros beherrschten die Bilderwelt im Zentrum der Labyrinthe und als Text lag die Ursprungssage der Römer aus Troja unter den teuren Pflastersteinen. Der imperialen Senatorenschicht muss es als Anmaßung erschienen sein, dass die neue Religion ihre Fußböden ausgerechnet mit dem Labyrinth schmückte und "Santa Ecclesia" ins Zentrum schrieb. Noch wenige Jahre vor Algiers neuem Kirchenboden hatte man die Christen als Löwenfutter verwendet.

Die Schlüsselstellung des Jericho-Labyrinths aus den Abruzzen

Das Jericho-Labyrinth aus den Abruzzen hat also eine mehrfache Schlüsselstellung inne. Zeitlich ist es die Brücke von den Texten der Spätantike, die das Thema der sieben Stadtmauernringe herausgebildet hatten, zu den Jericho-Labyrinthen in den mittelalterlichen Handschriften. Räumlich ist es die Übertragung der orthodoxen Jericho-Tradition in den Westen. Am wichtigsten ist aber die inhaltliche Neubestimmung: Mit der Jericho-Connection ist das Labyrinth-Thema kein heidnisches mehr, sondern hat eine Anschluss-Stelle in der Bibel bekommen.

Der Salomonsknoten, in der Abruzzen-Handschrift neben dem Labyrinth plaziert, taucht nicht nur siebenhundert Jahre später auf dem Mantel des Bartholomeo Veneto (Kern-370) wieder auf, sondern hat auch noch Nachfahren bei den baskischen Plasterstein-Labyrinthen (Labores de Troya: Church Labyrinths in Northern Spain von Joseba Juaristi und Arantza Gogeascoechea, dort Figure 8: Plan of the pavement of San Pedro de Murueta. Und noch einmal in Figure 10: Plan of the pavement of Santo Tomás de Olabarrieta (Zeberio) . Caerdroia 38 ). Auf welchen Pfaden auch immer diese Weitergabe erfolgt sein mag.

Diese sieben Mauern sind nicht aus Stein

Zur Erinnerung: Die sieben Mauern des Jericho-Labyrinths sind nicht aus Stein. Da ist nichts zum Ausgraben für Archäologen, auch nichts von dem die Fundamentalisten sagen könnten: Guck dir diese Brocken an, die Bibel hat also doch recht. Vielleicht ist es noch am Ehesten etwas, an dessen Fehlen sich die Religionshasser erfreuen könnten: "Da ist kein Labyrinth, keine Stadtmauer, keine sonstige Realität, alles nur Legende, typisch Religion." Das Labyrinth von Jericho besteht nicht aus Steinen, sondern es ist eine Interpretation zu einem rätselhaften Text. Die sieben Mauerringe entstehen "nur" aus dem Zusammenlegen zweier Texte: Der eine Text benennt Herren, geballte Macht, Feinde mit komplizierten Namen, sieben an der Zahl. Der andere Text beschreibt eine Bewegungsform, eine siebenfache oder sieben mal siebenfache Prozession mit Musik. Die Umkreisungen Jerichos, mit Posaunenchor, aus dem Buch Josua, Kapitel 6 werden kombiniert mit dem anderen, sehr kurzen Bericht von der Einnahme Jerichos im Buch Josua Kapitel 24, Vers 11: "Und als ihr über den Jordan gingt und nach Jericho kamt, da kämpften gegen euch die Herren von Jericho, nämlich die Amoriter, Perisiter, Kanaaniter, Hetiter, Girgaschiter, Hiwiter und Jebusiter, aber ich gab sie in eure Hand." Sieben Völker werden da aufgezählt als Herren von Jericho. Und aus der Zusammenschau beider Jericho-Eroberungserzählungen entstand die Legende von den sieben Königen, die Jericho stark machten, indem jeder der sieben eine Mauer um Jericho herum baute. Diese Legende steht schon im 6.Jahrhundert in der syrischen Schrift "Die Schatzhöhle", auf die auch Daniel Stein Kokin verweist. Jericho wird in diesem zweiten Bericht also zum Gesamtbegriff weniger für die Völker, als vielmehr für die Herren von Jericho. Die sieben Herren der Mauerringe müssen wir uns näher anschauen.

Die Herren der sieben (Stadtmauern-)Ringe

"Und als ihr über den Jordan gingt und nach Jericho kamt, da kämpften gegen euch die Herrscher von Jericho, nämlich die Amoriter, Perisiter, Kanaaniter, Hetiter, Girgaschiter, Hiwiter und Jebusiter, aber ich gab sie in eure Hand." Buch Josua Kapitel 24, Vers 11.

Hinter den komplizierten Namen, stehen ebenso komplizierte Historien. Wir folgen dem Pfad von Josuas Herrenvölker-Liste in umgekehrter Reihenfolge:

Jebusiter

Die Jebusiter gehören nach Jerusalem. Sie wohnten und regierten dort bis diese Jebusiter-Stadt in Davids Auftrag erobert und zu seiner Hauptstadt gemacht wurde.

Hiwiter

Die Hiwiter werden in der Bibel als vor-israelitische Bevölkerung der Städte Sichem, Gibeon und Kirjat-Jearim genannt, diese Städte liegen zwar in dem Gebiet, das vom Buch Josua zur Landnahme anvisiert wird, aber mindestens die Gibeoniten wurden nicht mit Jericho erobert, sondern erschlichen sich trickreich mit Josua eine Abmachung, die ihnen Wohnrecht in Israel gewährte. Wieder anders wird das Land Hiwi in ägyptischen Quellen neben den Ländern Arzawa und Hatti, also in Kleinasien eingeordnet. Das würde auch zu der luwischen Inschrift passen, die Kilikien mit einem Land Hiyawa gleichsetzt. Diese Bezeichnung wird von manchen mit Hiwi zusammengesehen. Egal ob biblisch oder außerbiblisch geographisiert wird: Die Hiwiter bewohnen andere Städte, nicht Jericho.

Girgaschiter

Bei den Girgaschitern wird gerätselt, ob das die Bewohner der Stadt Karkischa in Kleinasien sein sollen, oder ob sie zu ähnlich lautenden Orten im Ostjordanland gehören.

Hetiter

Spätestens bei den Hetitern bewegen wir uns mit der geographischen Zuordnung außerhalb Kanaans. Das Großreich der Hetiter lag in Anatolien. Hatti nannten sie ihr Kernland und Hattuscha ihre Hauptstadt. Selbst wenn man anstelle des großen Hetiterlandes lieber dessen kleine Nachfolgereiche etwas südlich vom Kernland nimmt, die sich in Anlehnung an ihren mächtigen Vorgänger auch als hetitisch bezeichneten, dann liegt das immer noch weit außerhalb des Landes, das die Hebräer hier, im Narrativ des Buches Josua, im Begriff sind einzunehmen und auch diese Hetiter sind weit, weit weg von Jericho.

Kanaaniter

Mit der Nennung der Kanaaniter wäre eigentlich schon die ganze vor-israelitische Bevölkerung des Landes Israel zusammengefasst, und damit hätten sich alle Nennungen von einzelnen Völkern erübrigt, wenn es nur um das eroberte oder zu erobernde Gebiet ginge. Weiter in Josuas Liste:

Perisiter

Die Perisiter sind noch seltsamer als die Girgaschiter, es gibt nur in den Amarnabriefen einen Eigennamen Piriizzi, in hurritischer Sprache von einem einzelnen Boten des Reiches Mitani, der mit dieser Volksbezeichnung zusammenstimmen könnte. Anscheinend kennt niemand ein Volk der Perisiter. Das macht nichts, auch die Hetiter galten zunächst nur als ein biblisches Phantom-Volk, bis die Archäologen schließlich Hattussa ausgegraben haben und neue Quellen zugänglich wurden.

Amoriter

Zum Schluss noch die Amoriter, die sind eigentlich Amurru, ein frühbabylonischer Sammelbegriff für Syrien bis hin zum Mittelmeer. Praktisch die ganze Liste der rätselhaften Völker erstreckt sich über Gebiete weit außerhalb Jerichos.

Es geht um die Herren

Es geht nicht um die Völker. Nicht die einzelnen Namen führen zu einer Lösung, sondern ihre Vereinigung unter dem Herren-Begriff. Nicht die bloße geographische Platzierung ist die gestellte Aufgabe, vielleicht aber ist es ein Schritt auf dem Weg. Was könnte Josua mit dem Begriff "Herren Jerichos" meinen?

Die Herren Jerichos sind nicht seine Einwohner

Die einfachste Interpretation, nämlich dass es sich bei den von Josua aufgezählten Herren Jerichos um die Einwohner dieser Stadt handle, geht nicht auf. Nicht einmal das Land Kanaan als ganzes reicht aus, um die genannten Völker unterzubringen, sondern seltsamerweise geht die geographische Verteilung dieser Völker-Liste weit über Kanaan hinaus und umfasst die Gebiete des heutigen Libanons und Syriens bis nach Anatolien, im Süden der heutigen Türkei. Man könnte sich zwar Jericho als eine große Stadt vorstellen, mit internationaler Einwohnerschaft, Handelsniederlassungen aus aller Herren Länder, aber solche ausländischen Minderheiten, selbst wenn sie nicht als kleine Wanderarbeiter, sondern als große Kaufleute kommen, stellen doch nicht gleich die Stadtregierung, schon gar nicht als Siebener-Gespann. Und die Könige der sieben Länder werden auch nicht außerhalb ihrer eigenen Reiche dort in der weit im Süden gelegenen Stadt Jericho eine gemeinsame Residenz gehabt haben.

Sollen das frühere Eroberer Jerichos gewesen sein?

Eine andere Interpretation könnte versuchen, die sieben Völker als zeitweise historische Herren Jerichos unterzubringen, so als hätten sie nacheinander in verschiedenen Epochen Jericho erobert und dort regiert (und Stadtmauern gebaut). Bestimmt lassen sich in der Jahrtausende langen Geschichte der Stadt manche Besitzer konstruieren, aber wohl kaum die in der Josua-Rede aufgeführten Völker.

Oder sind es Bezeichnungen für soziale Schichten statt Völkernamen

Wieder ein anderer Versuch wäre es, die sieben Namen nicht als Völker, sondern als soziale Gruppen zu deuten. Die Perisiter waren vielleicht die Dorfbewohner außerhalb der befestigten Städte. Solche soziologische Zuordnungen funktionieren nur bei einzelnen der sieben Namen. Und was wäre damit gewonnen für das Gesamtkonzept der Herren von Jericho? Wie lassen sich soziale Schichten oder weit entfernte Reiche mit einem Ort so in Beziehung setzen, dass sie als "Herren von...." bezeichnet werden können? Die Völkernamen geben Hinweise auf einen geographischen Raum, aber was hat dieser weitgesteckte Raum mit Jericho zu tun?

Jericho als Stammhaus jener sieben Herren?

Probieren wir es mit einem neuzeitlichen Vergleich. Die Herren von Hohenzollern regierten als Könige Preußens, die Herren von Habsburg als Kaiser eines Weltreiches über Spanien und dessen Kolonien. Die Habsburg liegt weder in Österreich noch in Spanien, sondern im Kanton Aargau. Und der Hohenzollern liegt am Rand der schwäbischen Alb, von Preußen weit entfernt. Durch die Kombination einer Stammburg mit einem weit entfernten Herrschaftsgebiet ließe sich das Distanzproblem im Begriff "Herren von Jericho" überbrücken, aber nicht die Abstammung aus einer Adelsfamilie ist das Verbindende im Fall Jericho. Die Gemeinsamkeit der Herren von Jericho besteht aus etwas anderem. Denken wir ein bisschen magischer. Die sieben Völker oder ihre Art beherrscht zu werden, sind das Material, aus dem die sieben Stadtmauern Jerichos gebaut sind. Und da die Israeliten mit kultischen Prozessionen diese Mauern zu Boden stampfen konnten, dürfte dieses Material etwas kulturelles, religiöses, rituelles sein. Demnach sind auch die Beziehungen Jerichos zu diesen Herren von kultischer, religiöser, ritueller Natur. Was ist der religiöse Verbindungsstoff von Jericho zu jenen Völkern? Was ist das Gemeinsame der Herren von Jericho? Was ist das rituelle Herrschaftsmuster vom Toten Meer bis ins Hetiterland? Wogegen kämpfen Josua und die Israeliten bei der Eroberung Jerichos?

Gab es eine kulturelle Abstammung aus Jericho?

"Herrliche Dinge sagt man von dir, du Stadt Gottes. Ich zähle Ägypten und Babel zu denen, die mich kennen, auch die Philister und Tyrer samt den Kuschitern. Die sind dort geboren. Man wird von Zion sagen, ein jeder ist dort geboren und er selbst, der Höchste erhält es. Der JHWH spricht, wenn er aufschreibt die Völker: Die sind dort geboren. Und sie singen im Reigen: Alle meine Quellen sind in dir."
Übersetzung nach Martin Luther revidiert 2017, Copyright für die Übersetzung bei der Deutschen Bibelgesellschaft
Ägypten und Babel, Philister und Tyrer samt den Kuschitern, auch das ist eine Liste von weit auseinanderliegenden Völkern, nur dass sie bekannter sind als Girgasiter und Perisiter. Wahrscheinlich liegen diese Völker zeitlich und kulturgeschichtlich näher bei uns. Und all den Völkern wird überraschenderweise ein gemeinsamer Geburtsort zugeschrieben. Nicht von Jericho ist die Rede, sondern von Jerusalem, aber die seltsame Geburtsort-Vereinigung im Psalm 87 hilft uns hier, so etwas wie eine kulturelle Abstammung als eine der Bibel nicht ganz fremde Vorstellung wahrzunehmen. Der Einfluss eines religiösen Zentrums auf andere Völker und Länder kann mit Begriffen einer Geburtsbescheinigung mit nachträglich geändertem Ort beschrieben werden. Ist die gemeinschaftliche religiöse Entwicklung eines Volkes quasi eine kollektive Wiedergeburt?

Wir springen launisch (oder lunarisch) hin und her zwischen den Zeiten

Mit der Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte des Jericho-Labyrinths sind wir in die Auslegungsfragen des Buches Josua geraten. Die Kurve ging über Handschriften des Mittelalters in die Geographie der Spätbronze- oder frühen Eisenzeit. Und wir wenden uns wieder zurück ins Mittelalter zu einem der schönsten Jericho-Labyrinthe in einer Handschrift aus dem zwölften nachchristlichen Jahrhundert. Die darf bei einem kleinen Durchgang durch die Jericho-Labyrinthe in christlicher Tradition nicht fehlen und sie führt uns auf eine religionsgeschichtliche Spur, die sehr minotaurisch aussieht. Wir nutzen die Buchmalerei von Sankt Emmeran in Regensburg als Sprungbrett zu einer weiteren, wissenschaftlich noch weniger abgesicherten Zeitreise.


Buchmalerei, ein Labyrinth, das nierenfoermig gebogen ist, mit lateinischer Umschrift Urbs Jericho Lune fuit assimilata figure

Jericho als Labyrinth, Abbildung 18: Handschrift von 1175 n.Chr. aus Regensburg, jetzt Bayerische Staatsbibliothek München, Clm.14731 Folio 83r. Kern 218.

Jericho heißt die Stadt und der Mondgott heißt Jarich

Vielleicht eines der schönsten Jericho-Labyrinthe findet sich in dieser Regensburger Buchmalerei mit der lateinischen Umschrift: Die Stadt Jericho war in mondförmiger Gestalt gebaut (Urbs Iericho Lune fuit assimilata figure). Die Bedeutung des Namens Jericho, Mond oder Mondort, scheint bekannt gewesen zu sein und wurde so in die gebogene Form übersetzt, was natürlich nur andeutungsweise gelingt. Der Graphik folgend müsste die Stadt eher Kelajot heißen, die Nierenförmige. Der letzte Satz mit "nierenförmig", war natürlich nicht ernst gemeint, die enge Beziehung Jerichos zum Mondgott dagegen sehr. Und dieser Mondgott ist männlich.


drei Bilder nebeneinander, in der Mitte die runde rote Labyrinth-Zeichnung aus dem mittelalterlichen Manuscript, flankierend zwei Fotos von einander sehr aehnlichen Stein-Reliefs einer aufrechten Gestalt mit Stierkopf und ausladendem Gehoern

Jericho als Labyrinth und die Stelen des Mondgottes, Abbildung 19: In der Mitte Handschrift von 1175 n.Chr. aus Regensburg, jetzt Bayerische Staatsbibliothek München, Clm.14731 Folio 83r. Kern 218. Links eine Steinstele mit Relief, dargestellt wird scheinbar eine aufrechte Gestalt mit Stierkopf, ca. 9.Jahrhundert v.Chr., Museum Gaziantepe, Türkei. Foto von P.Calmeyer. Rechts eine sehr ähnliche Steinstele aus et-Tell, d.i. eventuell Bethsaida, Israel-Museum Jerusalem, Foto Oren Rozen. CC-BY-SA 4.0 int.


Schriftzug Rahab und die rote Schnur

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drei Bilder nebeneinander, in der Mitte die runde rote Labyrinth-Zeichnung aus dem mittelalterlichen Manuscript, flankierend zwei Fotos von einander sehr aehnlichen Stein-Reliefs einer aufrechten Gestalt mit Stierkopf und ausladendem Gehoern

Natürlich ist das kein Minotauros, sondern der Mondgott. Was aber hat das Erd-Orakel zu tun mit dem Mondgott? Warum ist Ascheras Orakel, nämlich das Haus der Rahab, angesiedelt in der Stadt des Jarich? Und in welchem Verhältnis steht Jerichos Mondgott Jarich zu jenem anderen (ist es ein anderer?) Mondgott, dem Sin von Harran, denn der ist es zumindest, der so verblüffend minotaurisch daherkommt?

Jericho's polytheistische Verwicklungen

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