RoteSchnur-Titelschrift

Schriftzug Extras    Logo-Pixelfed     Logo-Mastodon     Purpurwort von Paul Celan    Schriftzug Coronagold     Predigt imperiale Versuchung, Schriftzug Coronablau     Insta     Kontakt  















Schriftzug Rahab auf Rahab und die rote Schnur

Zaehlerleiste

Mit Jericho's Mondgott Jarich wird die polytheistische Situation komplizierter, als sie mit Aschera ohnehin schon war. Artikelreihe Rahab  / Teil 16 /  Dieser Artikel wurde veröffentlicht am: 2026feb06

Jericho's polytheistische Verwicklungen

Mondfoermige Labyrinth-Zeichnung

Mondgott und Labyrinth?

Zwei Mondgott-Stelen aus dem 10. bis 8. Jahrhundert vor Christus und eine mittelalterliche Buchmalerei des Jericho-Labyrinths aus dem 12.Jahrhundert nach Chr..



Kein Minotauros sondern der Mondgott

Natürlich ist das kein Minotauros in Israel und zwar aus vierfachem Grunde:
Erstens gehörte die Ausgrabungsstätte et-Tell (eventuell die antike Stadt Bethsaida) nördlich des Sees Genezareth, damals vom 10. bis 8. Jhh. v.Chr., als die Stele kultisch in Betrieb war, wohl nicht zu Israel, sondern zum aramäischen Königtum Geschur.
Zweitens ist es die Stele des Mondgottes von Harran, der da im Openair-Heiligtum am Stadttor von Bethsaida und in vielen anderen Städten, mit Räucheropfern verehrt wurde.
Drittens ist die moderne Minotauros-Darstellung mit Stier-Kopf und Menschen-Körper durchaus nicht in allen Zeitaltern üblich. Stattdessen gibt es in unterschiedlichen Epochen häufig die umgekehrte Kombination: Menschenkopf mit vierbeinigem Stierkörper. Bei manchen mittelalterlichen Labyrinthen sieht es sogar aus, wie ein weiblicher Menschenkopf und Oberkörper auf Rinderbeinen. Nur durch die gespaltenen Hufe ist der Rinderkörper dann vom Pferdekörper des Kentaurs unterschieden. Zu welcher Zeit welche Tier-Mensch-Kombination für den Minotauros galt, müsste man erst untersuchen.
Und viertens zeigt die Stele nicht einmal einen Menschen mit Stierkopf, auch keinen Stier, der sich auf die Hinterbeine stellt, sondern wie Monika Bernett und Othmar Keel schon 1998 überzeugend dargelegt haben, ist der Stierkopf auf einem Gestell befestigt, das aus einem senkrechten und mehreren seitlichen Balken besteht. Die Relief-Darstellung verbindet figurative mit symbolischen Elementen, dazu gehören auch das Schwert und die vier Kugeln. Bei manchen solcher Stelen sind auch noch eine Rosette zwischen seinen Hörnern und Ohrringe an seinen Ohren Bestandteile der Ausrüstung des Mondgottes. Manfred Krebernik und Ursula Seidl rätselten 1997 noch, ob der Stierkopf zum Wettergott oder zum Mondgott gehöre, Bernett und Keel stellten dann die zweite Verbindung als die hier Richtige sicher. Dass der Stier nicht nur als Wappentier des Wettergottes auftritt, sondern im Mondgott einen zweiten Herren hat, führt in den Verzahnungen der beiden Stier-Herren Tallay Ornan 2001 aus.
Manfred Krebernik und Ursula Seidl. Ein Schildbeschlag mit Bukranion und alphabetischer Inschrift. in: Zeitschrift für Assyriologie 87,1 (1997)
Monika Bernett / Othmar Keel. Mond, Stier und Kult am Stadttor. Die Stele von Betsaida (et-Tell) Unter Mitarbeit von Stefan Münger. (1998)
Tallay Ornan. The Bull and its Two Masters: Moon and Storm Deities in Relation to the Bull in Ancient Near Eastern Art. in: Israel Exploration Journal 51. (2001)

Der andersartige Mondgott

Festhalten müssen wir beim Blick auf die Stelen des Mondgottes den beträchtlichen Unterschied zu unseren Vorstellungen vom Mond. Meinten wir nicht, dieser Himmelskörper sei auf ewig verknüpft mit Feinfühligkeit, Poesie und Weiblichkeit? Romantisch und verträumt müsste es natürlicherweise zugehen im Mondenschein, so glaubten wir zu wissen. Dieser Mondgott hier könnte ganz anders ticken, nur scheinbar anders oder gefährlich anders? Vielleicht doch ein bisschen minotaurisch? Schauen Sie sich den Kerl im Steinrelief an! Wie er dasteht mit seinem monströsen Gehörn und dem Schwert vor dem Bauch, möchten sie dem im Dunkeln begegnen? Und auf der anderen Stele, der von Gaziantep, der wirkt sogar ohne Schwert noch unheimlicher als sein Kollege aus Bethsaida. Die Natur des Mondes scheint keine sehr enge Führung zu bieten für das, was die Kultur dann aus ihm macht. Nur seine Kuhohren wecken Erinnerungen an die ägyptische Hathor und verleihen ihm ein bisschen Menschlichkeit.

Die polytheistischen Verwicklungen

Was hat das Erd-Orakel zu tun mit dem Mondgott? Warum ist Ascheras Orakel, nämlich das Haus der Rahab, angesiedelt in der Stadt des Jarich? Und in welchem Verhältnis steht Jerichos Mondgott Jarich zu jenem anderen (ist es ein anderer?) Mondgott, dem Sîn von Harran, denn der scheint es zu sein, der so verblüffend minotaurisch daherkommt. Schon bei der polytheistischen Paarung - JHWH und Aschera - sträubten sich nicht nur den Monotheisten die Nackenhaare, sondern auch die Polytheisten (jetzt nur noch imaginativ in ihren Gräbern) gerieten in Panik, denn die Scheidung Ascheras von ihrem bisherigen Gatten Ba'al würde bestimmt nicht konfliktfrei vonstatten gehen. Und ihr Neuer, dieser dahergelaufene Sklavenbefreier-Gott, wird auch im übrigen Pantheon Kanaans (das jetzt nur noch in archäologisch ausgegrabenen Resten existiert) nicht mit offenen Armen empfangen. Rahab's Orakelspruch ist schon für sich genommen ein komplexes und explosives Gebilde, voller Überraschungen für jedes ernsthafte Bibelverstehen, jetzt aber wird es noch komplizierter: Die Stadt Jericho gehört dem Mond. Sie trägt seinen Namen. Josua schickt seine Delegation in die Mondstadt zur Orakelbefragung. Und Josua will diese Stadt vernichten. Woher nimmt er das Vertrauen in dieses Orakel und woher den Vernichtungswillen gegen die Stadt?

Zielrichtung und Methodik

Ich frage hier nicht nach der einen oder anderen modern verstandenen, "historischen Wirklichkeit", sondern ich versuche innerhalb des biblischen Narrativs zu denken. Ich will mich einlassen auf die Figuren der Erzählung und auf die fremdartige Wirklichkeit, in der die Geschichte spielt. Auch wenn deren Zeit und Wirklichkeit sich irgendwie auf Bronzezeit oder Eisenzeit einsortieren ließe, wird sie aus der Perspektive des Erzählers oder der Erzählerin bestimmt anders wahrgenommen, als aus den Perspektiven heutiger Wissenschaftler*innen. Ich möchte wissenschaftliche Erkenntnisse nicht dazu benutzen, aus der Erzählung das herauszufiltern, was in die von uns heute als Wirklichkeit abgegrenzte Matrix passt, sondern ich hoffe dass die verschiedenen Wissenschaften mir helfen, näher an das heranzukommen, was in der Erzählung als wirksam auftritt. Dass die Erzählung meinen Horizont von Wirklichkeit sprengt, gehört zu ihren schönsten und aufregendsten Qualitäten. Dies ist ein religiöser Vorgang, Wissenschaft dient mir nur als Hilfe bei den Sprengarbeiten. In diesem Sinne wird hier versucht Josua zu enträtseln, Josua und Rahab, die Hebräer und Jericho, sowie die involvierten Gottesnamen: JHWH, Aschera und Jarich.

Zur Erinnerung die bisherige Fadenführung

Rahab mit korrekter Textgattung aber theologisch unzumutbarer Himmel-und-Erde-Begattung

Die bisherige Fadenführung ging so: Rahab (die biblische Rahab) ist das Orakel der Aschera (die Argumentation hierzu siehe Teil 1 der Rahab-Serie). Die große Mama-Erde der Kanaanäer, ihre Allesgebärerin und Alles-Ernährerin (siehe Die Brustreicherin), ist die Gottheit in deren Namen Rahab spricht. Ihr Orakelspruch an die hebräische Befragungs-Delegation offenbart die Entscheidung der Aschera, den Hebräer-Gott als ihren neuen Partner aufzunehmen und macht ihn somit offiziell zum Herrn des Himmels. Aschera ist die Absenderin des Orakelspruches und sie ist zugleich sein Inhalt. Via Orakelspruch bietet Aschera sich selbst dem Einwanderergott an: Euer JHWH wird hiermit zum neuen Gott des Himmels ernannt. Ba'al, der alte Himmelsgott ist abserviert. Die Göttin Erde ist bereit, JHWH zu empfangen.

Rahab's binäres Weltbild und das Erschrecken der Monotheisten

Die Aschera-Priesterin Rahab denkt ganz in ihrem binären Weltbild. Alles unter dem Horizont gehört zu Mama Erde, alles über dem Horizont ist Teil von Papa Himmel. Alles Lebendige entsteht aus dem Zusammenspiel dieser beiden Welthälften. Im kanaanäischen Weltbild, erwächst das Leben kontinuierlich aus den Begattungen dieses Götterpaares. Der Regen, die Quelle allen Lebens, ist das Sperma von Papa Himmel, aus dem Mama Erde dann alles weitere hervorbringt. Solange das nur die heidnischen Götzen Ba'al und Aschera waren, durfte von monotheistischer Seite herablassend über den Fruchtbarkeitskult gelächelt werden. Jetzt aber, mit Rahab's Orakelspruch, heiratet Aschera den JHWH und die Monotheisten bekommen Schnappatmung, sofern sie noch nicht gelernt haben, religionsgeschichtlich und in Textgattungen zu denken. Die hatten nämlich gemeint, unser JHWH sei schon immer, also von Ewigkeit zu Ewigkeit, der einzige, zumindest aber der höchste Gott und souveräner Herr des Himmels gewesen. Man hätte sich zur Not auch noch die geschichtliche Entstehung so eines Gottestitels gefallen lassen, wäre er sauber und vernünftig aus dem Hirn eines großen Philosophen entsprungen, aber sich aus dem Orakelspruch einer Aschera-Priesterin zum "Gott des Himmels und herab zur Erde" bestimmen zu lassen, das kann doch nicht sein Ernst sein? JHWH war halt schon immer gut für Überraschungen.

Einer von Gottes vielen Migrationshintergründen

Der skandalöse Gott JHWH wandert mit seinen aus der Sklaverei befreiten Hebräern in Kanaan ein. Das biblische Narrativ geht mit den Menschen durch die abenteuerliche Geschichte ihrer Religionen und ihrer wechselnden Weltbilder. Ist das wirklich so unzumutbar für eine monotheistische Theologie? Welche Dogmen versperren den Zugang zu Gottes Geschichte mit den Menschen? Meinen wir, unser Gottesbild müsste von all denen geteilt werden, die lange vor uns mit diesem Gott zu tun hatten? Meinen wir, unser eigenes Gottesbild sei das ewig richtige? Davor und danach dürfe es nichts anderes geben? Trauen wir dem Ewigen und Allmächtigen nicht zu, sich pädagogisch auf die zeitlichen und unverständigen Menschlein einzulassen? Haben wir Angst vor der Erweiterung unseres eigenen Horizontes, die sich ereignen könnte, wenn wir uns auf den anders beschränkten Horizont Rahab's einlassen? Meinen wir, unser Denken sei das Fundament, von dem Gott und die Welt sich tragen lassen müssten? Wer so in der eigenen Zeit befangen ist, wird dann das Warnschild "Hure" benutzen als Abschottungsmittel gegen diese seltsame Schwester im JHWH-Glauben und wird sich selbst den Zugang verbauen zum Verstehen der Bibel. Nur wer den religiösen Horizont dieser Kanaanäerin wahrnimmt, kann ihre religionsgeschichtliche Bedeutung und Wirkung begreifen. Mit ihrem Orakel-Spruch interpretiert Rahab den Zusammenstoß der Hebräer mit der kanaanäischen Religion als eine zukünftig fruchtbar werdende Vereinigung des Sklavenbefreiungsgottes mit der Erdgöttin. So versteht Rahab den JHWH der Hebräer und verkündet seine Hochzeit mit Aschera. Synkretismus ist für Rahab kein Schimpfwort, sondern ein heiliger Akt der Zeugung und Fortpflanzung. Es wäre seltsam, wenn in den seither vergangenen mehr als dreitausend Jahren nicht die eine oder andere Erfahrung die Religion weiter verändert hätte.

Danksagung

Dank sei den bemalten Tonkrügen von Kuntillet Ajrud, dass sie nicht nur die skandalöse Verbindung von JHWH und Aschera bildlich und textlich so prägnant zum Ausdruck bringen, sondern auch noch den Fadenschlag zum ägyptischen Bes schaffen. Dank sei den Bibelstellen, die diese fremdartigen Windungen der Religionsentwicklung belegen und uns Einblick in die ungeahnte Geschichte des Glaubens geben. Dank sei Gott für das biblische Narrativ und dass er die Archäologie so sperrige Schätze ausbuddeln lässt. Am Ziel aber, sind wir noch lange nicht.

Rahab wird gerettet

Rahab wird gerettet, so erzählt es das biblische Buch Josua. und zwar inklusive ihrer kanaanäischen Religionstradition. Ihre aus monotheistischer Sicht schwer ertragbaren Welt- und Gottesbilder hat sie nicht abgelegt, sondern nur mit dem neuen Hebräer-Gott verknüpft. Das scheint für die Rettung zu reichen. Keine theologische oder moralische Korrektheitsprüfung ihrer Ansichten, ihres Glaubens, ihrer Lebensmoral wird erzählt. Ihr sexuelles Verständnis der Religionsentwicklung wird nicht abgewehrt. Der von Rahab vermittelte Heiratsantrag von Aschera an JHWH wird keineswegs abgelehnt. Nur das Warnschild "Hure" wird der Orakel-Priesterin umgehängt, um die problematischen Zusammenhänge des Fruchtbarkeitskultes kenntlich zu machen, aus dem Rahab kommt. Die Trennlinie zwischen Rahab und Jericho ist der Name JHWH, den sie in ihr Weltbild aufnimmt. Und die praktische Umsetzung dieser Trennlinie ist die rote Schnur als Kennzeichnung ihres Hauses.

Jericho wird vernichtet

Jericho aber wird vernichtet, wegen welcher Welt- oder Gottesbilder, wegen welcher Moral oder Unmoral, wegen welcher religiösen Zustände? Rahab's Welt- und Gottes-Bild, ihre alte Religionstradition scheinen nicht der wesentliche Grund zu sein, sonst hätte auch Rahab vernichtet werden müssen. Was ist Jericho's Gift? Wogegen richtet sich der magische Vernichtungswille Josua's und seiner Hebräer? "... da kämpften gegen euch die Herren Jericho's", so spricht Gott aus dem Munde des Josua, laut Kapitel 24, Vers 11 des Josua-Buches. Wer oder was ist gemeint mit "Herren Jericho's"? Und wir wollen sie sowohl von der gesellschaftlichen, als auch von der religiösen Seite her verstehen. Welche gesellschaftlichen und religiösen Stränge sind es, die in der Josua-Rede gekennzeichnet werden durch das weite geographische Feld der sieben Völkernamen? Weder die Fremdheitsgefühle der späteren Monotheisten noch ein nationalistischer Egoismus des einen Volkes Israel, gegen die sieben genannten Völker, sind die Front, an der Josua für JHWH kämpft, sondern die "Herren Jericho's" sind es, denen wir auf die Spur kommen müssen, um Josua zu verstehen. Der minotaurisch aussehende Mondgott riecht der nicht irgendwie nach "Jericho's Herren"?

Die polytheistischen Verwicklungen müssen entwickelt werden

Die Stadt Jericho gehört dem Mondgott Jarich. Sie trägt seinen Namen. Josua schickt seine Delegation in die Mondstadt zum Orakel der Erde. Und Josua will diese Stadt vernichten. Woher nimmt er das Vertrauen in das Orakel der Aschera und woher den Vernichtungswillen gegen die Stadt des Jarich? In welchem Verhältnis steht das Orakel der Aschera zu Jarich? Der Mondgott könnte für beide Seiten wichtig sein, für das Vertrauen in Rahab und für den Vernichtungswillen gegen Jericho.

5 schwarz-weiss Zeichnungen von Mondgottstelen

Schriftzug Rahab auf Rahab und die rote Schnur

nach rechts nach rechts
geradeaus weiter

Zaehlerleiste

Nachzeichnungen von fuenf Mondgott-Stelen

Was ist die gesellschaftliche Seite des Mondgottes? Wer identifiziert sich mit ihm? Wen oder was meint Josua mit dem Ausdruck "Herren Jerichos"?

Jericho und seine Herrentümer

geradeaus weiter