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Schriftzug Rahab auf Rahab und die rote Schnur

Zaehlerleiste

 / Teil 19 /  Dieser Artikel wurde veröffentlicht am: 2026apr

Jarich unter dem Tisch als Gott incognito

Mit dem Gott incognito ist hier etwas anderes gemeint als die theologischen und philosophischen Redeweisen vom deus absconditus

Auch für den Text KTU 1.11451 folge ich wieder der Darstellung von Gabriele Theuer: Der Mondgott in den Religionen Syrien-Palästinas unter besonderer Berücksichtigung von KTU 1.24.    Online auf ZORA, dem "Zurich Open Repository and Archive" der Universität Zürich.
In der Interpretation gehe ich dann anders als Theuer auf ungesicherten und von mir aus auch unwissenschaftlichen Wegen.

Wahn und Würdelosigkeit von Göttern (Keilschrift-Text KTU 1.11451)

Wahn und Würdelosigkeit von Göttern zu denken und zu erzählen, ist zugleich eine gesellschaftliche Umgangsform mit Wahn und Entwürdigung bei Menschen. Bei dem religiösen Motiv, das im Folgenden verhandelt wird, geht es also auch um die Frage, wie eine Gesellschaft mit Niederlagen und Untergängen umgeht. Die bronzezeitlichen Keilschrift-Texte aus Ugarit (KTU) sind eine der wichtigsten Quellen zum Mondgott Jarich. Sehr interessant ist das Textstück KTU 1.11451, das als para-mythologisch eingeordnet wird. Da wird erzählt von einem Gastmahl (Marzeach) zu dem der Göttervater El in sein Haus eingeladen hat. Bei diesem Gastmahl benimmt sich Jarich wie ein Hund. Er frisst sein Steak unter dem Tisch. Nicht nur als unwürdiges Benehmen, wird Jarich's Verhalten beschrieben, sondern fast als eine Art von Wahnsinn. Zur Warnung an die neuzeitliche Leserschaft: Diese Erzählung ist keine anekdotische Belustigung über eine andere Kultur, keine Verächtlichmachung fremder Götter, sondern es ist ein ugaritischer Text, der über die eigenen, amtierenden Götter spricht.

Marzeach

Die Marzeach-Tradition enthält an sich schon viele kultische Verknüpfungen, in unserem Fall findet das Kultmahl auch noch direkt in der Göttergemeinschaft statt. Das gesellschaftliche Event namens Marzeach, bei dem sonst die Menschen auch die Götter ehren, wird ganz in den Himmel projiziert. Die unterschiedlichen Menschentypen, die sonst als Gäste und Gastgeber agieren, treten hier direkt als göttliche Gestalten auf. Auch das Motiv zeitweiligen Wahns dürfte religiöse Bedeutung haben und es wird fortgesetzt und erweitert durch die Reaktion der anderen Gäste. Manche der Gäste erkennen den Mondgott Jarich nicht, sondern behandeln ihn eben wie einen Hund: Sie vertreiben ihn mit Stockschlägen. Andere Götter jedoch - genauer gesagt die Göttinnen Anat und Athirat - erkennen hinter der tierischen Wildheit seine wirkliche, nämlich göttliche Bedeutung und füttern den Mondgott mit besonderen Leckerbissen. So wird hier wie andern Orts, das Motiv der Würdelosigkeit verknüpft mit dem Motiv des unerkannten Gottes. Bei den griechischen und römischen Gastmählern ist die Rolle von Frauen problematisch, ganz anders hier in Ugarit. Bei diesem Marzeach nehmen selbstverständlich auch die Göttinnen teil, nicht als Häteren oder Bedienung, sondern sie liegen als Gäste zu Tisch und sie füttern den Hund unter dem Tisch. Und zwar sind die den Gott in seinem Wahn erkennenden Göttinnen genau die beiden, die später El, den Gastgeber und Oberherrn des Marzeach, von seiner Krankheit und Würdelosigkeit heilen. El, der höchste aller Götter im ugaritischen Pantheon, hat nämlich bei seinem Marzeach soviel Wein getrunken, dass er schließlich in seinem Erbrochenen und urinierend am Boden liegt. Und als Heilmittel gegen Trunkenheit empfiehlt der folgende Text, Hundehaare auf die Stirn des Kranken zu legen. Die göttliche Würdelosigkeit taucht also doppelt auf. Einerseits ist es Jarich mit seinem hündischen Verhalten, andererseits ist es El in seinem Rausch, die beide das Thema von verschiedenen Seiten beleuchten. Jarich von der Seite des Unerkannten, El von der Seite des Allerbekanntesten. Modern gesprochen: El ist das Alpha-Tier in dieser Versammlung, Jarich das Omega-Tier und die Bedeutung des Letzten für den Ersten wird hier verhandelt. Damit liegt in diesem Mythos bereits mehr Weisheit als in all den Königshäusern und Staatsmodellen vieler Zeitalter. Den höchsten aller Götter in seiner Kotze und Pisse am Boden liegend darzustellen, ist keine Volksbelustigung, sondern eine ernsthafte Kulturleistung. Die oberste Autorität wird hineingenommen in die Behandlung von Niederlage und Untergang. Denn die Letzten werden die Ersten sein, sagt unser Rabbi aus Galiläa.

Stein-Relief mit mehreren zu Tisch liegenden Maennern. links eine kleinere Figur als Diener, die Wein nach schenkt

Bild: Steinrelief aus Assos am Marmarameer, Männer liegen zu Tisch und werden von der kleineren Figur am linken Bildrand bedient. Louvre Ma2829 cc0

Marzeach, das Gastmahl als religiöser Akt und als Organisationsform von Religion

Das Marzeach ist auf jeden Fall nicht einfach eine Party, ein gesellschaftliches Event, sondern gehört genauso stark der religiösen Sphäre an. Solche Gastmähler erscheinen durch Jahrhunderte in vielen Quellen des levantinischen Kulturraumes. Marzeach, das ugaritische Wort mit dem in KTU 1.11451 das "Gastmahl" im Hause des Göttervaters El bezeichnet wird, hat ein konsonantengleiches hebräisches Parallelwort, das von "laut schreien" abgeleitet wird. Freudiges Geschrei und jammerndes Gezeter, sowohl Totenklage als auch Jubelschreie liegen im Bedeutungsfeld von Marzeach. Und das "Beth-Marzeach", das Haus-des-Schreiens kann laut hebräisch Lexikon auch als Umschreibung für eine "religiöse Genossenschaft" verstanden werden. Auch wenn die Vokalisierungen in den westsemitischen Dialekten variieren, sind die Konsonantenfolge und die Bedeutungszusammenhänge sehr stabil. In manchen Texten werden Opfertiere festlich zum Marzeach gebracht, oft geht es auch um die Versorgung mit Wein. Diese Kultgemeinschaften versammelten sich nicht nur in den Häusern reicher Gastgeber, sondern scheinen teilweise so gut organisiert gewesen zu sein, dass die religiöse Genossenschaft selbst Häuser und Weinberge in ihrem Eigentum hatte. Zum Beispiel streiten sich die Marzeach-Leute von Ari mit den Marzeach-Leuten von Siyannu um den der Göttin Ischtar geweihten Weingarten. Das Beth-Marzeach bildet neben den offiziellen Heiligtümern eine Art semiprivater Religionsveranstaltung und Religionsorganisation. Die Genossenschaft kann eine eigene Hierarchie ausbilden. Das lässt sich zum Beispiel an den Sitzordnungen ablesen. Ob damit das Marzeach schon zu einer kritischen Kraft gegen die herrschende gesellschaftliche Hierarchie wird, kann unterschiedlich gesehen werden. Das Potential dazu mag in ihr liegen, aber in den meisten Fällen wird die Oberschicht unter sich geblieben sein. Andere Gesellschaftsschichten feiern ihre Gastmähler unter sich. Auch in der Bibel kommt das Wort Marzeach vor: In Amos Kapitel 6, Vers 7 ist es das Jubelgeschrei der Schlemmer, von dem es heißt, dass es in der Wegführung enden wird und in Jeremia Kapitel 16, Vers 5 bekommt der Prophet die Anweisung, nicht ins Haus des Marzeach zu gehen, um dort an der Totenklage teilzunehmen (wie es sonst wohl üblich wäre), denn es käme die Zeit, da würden die vielen Toten unbeklagt auf der Straße liegen. In beiden Fällen wird die religiöse Kultur des Marzeach von den JHWH-Propheten kritisiert, weil sie der gesellschaftlichen Not nicht gerecht wird. Nicht die Existenz von Marzeach-Häusern an sich wird von den JHWH-Propheten abgelehnt, sondern dass diese gegen den Untergang nicht helfen, wird angegriffen. Die Marzeach-Gemeinschaften gehören sowohl in ihrer Totenklage als auch in ihrem Freudengejohle zu einer verantwortungslosen Oberschicht, die sich nicht um die Unterschicht kümmert und die deshalb nach dem Urteil der JHWH-Propheten dem Untergang geweiht ist.

altgriechische Vasen-Malerei Liegende Gaeste bei einem Symposion. Hunde unter den Tischen

Bild: Altgriechische Vasen-Malerei Liegende Gäste bei einem Symposion. Hunde unter den Tischen. Korinthischer Krater ca. 600 v.Chr. Louvre E635. Foto cc-by-sa Ismoon

Marzeach und Symposion

Es gibt viele Gemeinsamkeiten des Marzeach mit dem Symposion. Die Gastmähler im semitischen und im griechischen Kulturkreis folgten sehr ähnlichen Mustern und gehören zu einem breiten Strom antiker Tradition. Ein griechisches Gastmahl bestand aus den drei Teilen Deipnon, Libation und Symposion. Das Deipnon war das gemeinsame Essen. Die Libation war der eigentliche religiöse Akt der Trankopfer Darbringung, also das Ausgießen eines Getränks vor einem Gottesbild oder auf einem Altar oder auch auf einem Grab, und das Symposion war das anschließende Weintrinken mit Gesprächen. Mindestens beim dritten Teil, beim Symposion, lagen die Teilnehmenden auf Sofas oder auf Kissen nach festgelegter Platzordnung. Neben den vornehm zu Tisch liegenden Gästen sind auch immer andere Gestalten anwesend, die Dienerschaft tritt in kleineren Figuren auf. Oft gibt es auch Hunde unter dem Tisch. Die Teilnahme von Frauen, insbesondere als gleichberechtigte Mahlteilnehmerinnen, nicht als Häteren, wird schon in den Quellen unterschiedlich diskutiert.
Siehe: Angela Standhartinger. Frauen in Mahlgemeinschaften. Diskurs und Wirklichkeit einer antiken, frühjüdischen und frühchristlichen Praxis. 2005 in: lectio difficilior

Die kulturelle Bedeutung der Libation

Die Libation, das Trankopfer für Götter und Ahnen findet sich nicht nur im Orient und im Mittelmeerraum, sondern wohl rund um die Erde. Die Ehrung der Verstorbenen ist der erste und älteste Umgang der Menschen mit ihrer Schwachheit, mit ihren Niederlagen, mit ihrem Untergang. Liebe zu erweisen den Wehrlosen ist der Schritt über die bloße egoistische Suche nach Überlebensvorteilen hinaus. Die Wehrlosen das sind die Schwachen, die Kranken, die Verletzten, die Versehrten, die Witwen, Waisen, Ausländer und sonstige Nicht-Verwandte. Zu den Wehrlosen gehören die Dummen, die Ungeschickten, die Wahnsinnigen, die Armen, die Unterlegenen, die Verlierer und Verlorenen, die Marginalisierten, die Subalternen usw.. Zu den Wehrlosen, die nur mit Hilfe anderer überleben können, gehören alle, wirklich alle Lebewesen vom Typ Homo sapiens, nämlich als Säuglinge. Keine und Keiner von uns wäre am Leben, hätten nicht andere uns in unseren ersten Monaten und Jahren ernährt und gepflegt und getragen. Die Hilflosigkeit vom Anfang unseres Lebens wiederholt sich, nur halt ohne den Zweck des Überlebens, spätestens an der anderen Stelle des Lebensweges, nämlich beim Sterben. Da die Säuglingspflege archäologisch schwer nachweisbar ist, sind Bestattungen der erste Beleg einer menschlichen Kultur. Da verlässt der Homo sapiens die Hackordnung und geht hinaus in die Menschlichkeit. Libation ist ein kleines Fortsetzungsritual, ein Nachklang zur Bestattung.

Das christliche Abendmahl

Schon im antiken Judentum gab es eine vielfältige Gastmahl-Kultur auch in jüdischen Kreisen, die in den Traditionen von Marzeach und Symposion stand. (Siehe: Jutta Leonhardt-Balzer. Die Funktion des Mahles für die Gemeinschaft bei Philo und Josephus. 2015 in: Zora)
Der Kulturstrom von Marzeach und Symposion trägt auch das Christentum. Manche Theologien (vgl. Matthias Klinghardt. 2012. Der vergossene Becher) verstehen die Abendmahlsfeiern der frühen christlichen Gemeinden weitgehend als eine Variante der hellenistischen Gastmähler. Schon das Symposion steht für wichtige Werte wie Koinonia (Gemeinschaft) und Isonomia (Gleichberechtigung). Diese Werte beziehen sich aber auf die geladenen Gäste, auf die Bedienung schon nicht mehr. In den Gleichnissen Jesu werden andere Menschen zum Festmahl geladen. Das Gastmahl im Hause des Königs Herodes wurde zur Todesfalle für Johannes den Täufer eben weil Herodes sich seinen Tischgenossen verpflichtet fühlt, seine großen Sprüche einzulösen. Der Täufer war nicht eingeladen, sondern sein Kopf wurde auf der Schale serviert (Evangelium nach Matthäus, Kapitel 14, Verse 9 bis 11).

Die Zusammenhänge mit dem hellenistischen Gastmahl können an manchen Stellen aufschlussreich sein für das Verständnis der frühchristlichen Abendmahlspraxis oder zumindest interessante Fragen aufwerfen. Wo es in den Abendmahlstexten heißt: "Nach dem Mahl nahm Jesus den Kelch" könnte der Wechsel vom Deipnon zum Symposion erkennbar sein. Wo aber bleibt die Libation? Oder ist das die Libation? Für welche Gottheit, welches Ahnengrab, welchen Altar wird das Trankopfer ausgegossen? Mindestens im Lukas-Evangelium Kapitel 22, Vers 20, bezieht sich das "vergossen" nicht auf das Blut Jesu sondern auf den Becher mit Wein. Gibt Jesus das Libationsopfer sich selbst, so ähnlich wie bei seiner Interpretation der Salbung in Bethanien?

Das Abendmahl aktualisiert aber nicht nur den breiten Traditionsstrom von Marzeach und Symposion, sondern setzt darin auch kritische Elemente. Schon bei Paulus wird die Teilnahme der Armen und die Einfachheit der Speisen betont im Kontrast zu den Mählern der Reichen. Die wichtigste Diskrepanz des christlichen Abendmahls zum hellenistischen Symposion liegt in seiner direkten Bezugnahme auf das Passah-Mahl. Alle Loslösungsversuche des Abendmahls vom blutigem Ritualverständnis geraten in Gefahr einen bloßen Weinbund ohne Passah-Lamm daraus zu machen. Das Passah-Lamm als Erinnerung an den Exodus und als Grenze der neuen Gemeinschaft gegen die Unheilszusammenhänge der Sklavenhalterei ist das kritische Moment von jüdischer und christlicher Kultur gegen den Hellenismus. Am Kreuz wird Jesu Blut vergossen, nicht als bloß ritueller Akt, aber auch nicht verbindungslos zum Ritual. Eine allzu große Angleichung der christlichen an die allgemein hellenistische Mahlspraxis in den theologischen Beschreibungen, könnte dann nicht mehr erklären, wieso die anderen Gemeinschaften und Kultgenossenschaften mit dem Imperium untergingen, während das Christentum zur Weltreligion aufstieg.

Auf der anderen Seite ist die Kritik an christlichen Blutopfer-Theologien mehr als verständlich. Diese neigen nämlich zur Individualisierung der Abendmahlswirkung und zur Abkoppelung des rituellen Geschehens von den gesellschaftlichen Verhältnissen. Der Massenmörder und Foltergeneral Pinochet soll täglich zur Eucharistie gegangen sein und die Eiserne Thatcher hat ihn und seine Verbrechen fortgesetzt in Schutz genommen. Da wurde Christi Blut benutzt zur Vertuschung des neuerlichen Vergießens von Menschenblut. Blutig ist die menschliche Geschichte und das Ritual setzt sich damit auseinander. Nicht die Folterer, sondern die Gefolterten gehören zu Christus. Diese werden zu Tische liegen mit Jesus im Reich seines Vaters.

Von Jarich bis Jesus

Die Geschichte von Jarich aus dem ugaritischen Keilschrift-Text KTU 1.11451 lässt sich also auf der Marzeach-Seite weiterverfolgen bis zu den hellenistischen Gastmählern und sogar bis zum christlichen Abendmahl. Der Mondgott steckt in den religionsgeschichtlichen Wurzeln beider Seiten, der heidnischen ebenso wie der jüdisch-christlichen. Wer mit der anderen Seite nichts zu schaffen haben will, schneidet sich selber die Wurzeln ab. Religion ist ein langer und langsamer Strom, der durch die Jahrtausende fließt. Aber sie verändert sich doch. Wer die Veränderung nicht wahrnimmt, wird rückfällig. Weitere Fäden lassen sich spannen.

Die Verbindung einer heidnischen Gottheit mit Würdelosigkeit und Wahn

Das Motiv von Würdelosigkeit und zeitweiligem Wahnsinn einer Gottheit ist wohl weltweit verbreitet. Erzählt wird es allerdings seltener von der Gottheit selbst, sondern eher von den Menschen, die von einer Gottheit ergriffen wurden und deshalb als würdelos und wahnsinnig erscheinen. Die Äußerungsform, oder Offenbarungsform Gottes im Menschen muss also nicht in Erhabenheit und Triumph dieses Menschen bestehen, sondern mindestens ebenso häufig im Gegenteil davon. Wo Besonderheiten von Menschen als Wirkung von Göttern erklärt werden, geraten nicht nur außergewöhnliche Fähigkeiten, sondern auch auffällige Fehlleistungen in dieses Erklärungsmuster. Wenn ein Mensch sein Verhalten nicht gemäß der gesellschaftlichen Normen im Griff hat, dann müssen es wohl andere Kräfte sein, die diesen Menschen im Griff haben. So sieht es die Logik solcher Götter-und-Geister-Theorien. Jede unwillkürliche Bewegung, vom Niesen bis zum Trance-Tanz, ist eine Äußerung der Götter. Das geht bis zu den Zuckungsliteraturen, in denen jede Körperregion religiös zugeordnet wird, womit dann jede Muskelzuckung als Einfluss und Zeichen der entsprechenden göttlichen Kraft zu verstehen sei (siehe Hermann Diels: Beiträge zur Zuckungsliteratur des Okzidents und Orients. 1907). Nicht nur die unterschiedlichen Menschentypen entsprechen unterschiedlichen Göttern, so dass sich das Pantheon in der Gemeinschaft der Menschen wiederspiegelt, sondern auch der einzelne menschliche Körper ist das Pantheon. Bei der Deutung der Labyrinthe werden wir auf weitere Organismus-Vorstellungen kommen. Rausch und Wahn zu interpretieren als Ergriffensein oder Besessensein von einem Gott ist fast schon Allgemeingut der Religionen. Zumindest ist es ein sehr weites Gebiet von Erscheinungsformen von Religion. Und dieses Motiv steht oft im Zusammenhang mit Initiation.

Dionysos der Gott des Rausches und des Wahns

Vasenmalerei auf schwarzem Grund Gestalt eines betrunkenen Mannes, nackt und angelehnt an einen Helfer

Gestalt eines betrunkenen Gottes, nackt und angelehnt an einen Helfer.
griechische Vasenmalerei auf schwarzem Grund
5.Jahrhundert v.Chr. Nationales Archäologisches Museum Athen.
Foto von George E. Koronaios, cc-by-sa


Am bekanntesten für Trunkenheit ist vielleicht Dionysos, der ausgestoßen und missachtet, zum Gott des Rausches und des Wahnsinns wird. Der Dionysos-Kult wurde zur wohl ersten Mysterien-Religion, also einer nicht-ethnischen, bzw. multi-ethnischen Religion. Diese Mysterien-Religionen mit ihren Einweihungs-Ritualen waren private Clubs, denen man individuell beitreten konnte. Damit ähneln sie den religiösen Genossenschaften vom Typ Beth-Marzeach, heben sich als eigene, neue Religionen und neuer Religions-Typ aber stärker ab vom allgemeinen religiösen Umfeld. Ein dreifaches "I" ist das verbindende Kennzeichen dieser Religionsform: Initiatorisch, individuell, international. Diese Religionsform negiert alle Abstammungsgrenzen und bildet per Initiationsritual eine neue, nicht biologisch sondern religiös begründete Familie. Das Initiationsritual besteht aus einem rituellen Sterben und Neugeborenwerden. Durch die Initiation werden Menschen unterschiedlicher Herkunft individuell in die neue Familie der Kultgemeinschaft hinein geboren und sind dann Kinder Ihres Gottes. Kindschaft ist also ein Modell, das Verhältnis des Initiierten zum jeweiligen Gott zu denken. Geschwisterlichkeit mit Menschen anderer Abstammung wird so erzeugt. Nicht "Club", sondern Familie wollen die neuen Religionsgemeinschaften sein.

Wie bei Dionysos geht es auch in KTU 1.11451 um den Rausch. Die ugaritische Geschichte vom hündischen Jarich ist das Vorspiel zu einer Heilungssession für den Göttervater El, der beim Marzeach zu viel getrunken hat. Die Göttinnen, die Jarich auch in seiner Hundeform als Gott erkannt haben, sind dann die Heilerinnen für den großen El in seinem Rausch. Und wie beim Marzeach spielt auch bei Dionysos das Geschrei eine Rolle, er trägt den Beinamen Bromios, der Lärmende. Um den Faden zum Labyrinth-Motiv nicht zu verlieren, sei daran erinnert, dass Dionysos derjenige ist, der schließlich die von Theseus verlassene Ariadne heiratet.

Oxalá der besoffene Schöpfergott

Foto. Ein schwankender Mann von hinten, tanzend im Wind mit wehendem Umhang

Ein Tänzer aus Ostasien
als Bild für einen schwankenden Gott aus Westafrika
verehrt in Südamerika
Herzlichen Dank für das Foto an Craig Whitehead


In den afrobrasilianischen Religionen ist es der Schöpfergott Oxalá, der von Würdelosigkeit und von den Entwürdigten am meisten versteht. Zittrig und wackelig ist sein Tanz nicht nur aus Altersschwäche, sondern auf dem Weg zur Erschaffung der Erde hat er zuviel Palmwein getrunken. Deshalb hat er im Vollrausch den Schöpfungsvorgang größtenteils schändlich verschlafen. Ein Götterkollege hat die meiste Arbeit schon gemacht. Als Oxalá zu spät und nachträglich aus dem Rest des zur Verfügung stehenden Erdmaterials die Menschen töpfert, geht ihm auch noch manches schief. Er ist noch nicht ganz auf der Höhe seiner Form. Oxalá steht zu seinem Misslingen. Alle nicht ganz gebackenen Menschen dürfen deshalb unter seiner Obhut in seinem Heiligtum leben. Diese Regelung bezieht sich besonders auf Menschen, die im Initiationsprozess auf irgendeiner Stufe des Unmündig- und Unwürdig-Seins hängen geblieben sind. Aber auch alle anderen Behinderungen und Geburtsfehler werden in diese schiefgegangenen Initiationen includiert. Noch mehr als Dionysos ist auch Oxalá zu weit weg von Jarich, noch ganz dünn sind die Fäden, die wir hier zusammenweben, aber wir bewegen uns in die richtige Richtung und wir gehen noch weiter, nämlich nach Sibirien.

Schamanen und ihre Jenseitsreisen

Schamane auf dem Bauch liegend unter seiner Trommel

Ein sibirischer Schamane auf dem Bauch liegend
scheinbar bewusstlos unter seiner Trommel
Herzlichen Dank für das Bild an Johannes Scheffer (Laponia 1673 n.Chr.)


Die Initiationserzählungen der sibirischen Schamanen sind voll von Wahn und Erniedrigungen. Djuhadie Kosterkin, der als junger Samojede so schwer von seiner Initiationskrankheit in Mitleidenschaft gezogen worden war, dass man ihn für tot hielt und begraben wollte, erwachte verwirrt auf seinem Totenlager und als er aus dem Zelt hinausstolperte, verhedderte er sich in den Hundeleinen und fiel mit dem Gesicht in den Kot. Die Unterweltreise dieses Schamanen wird erzählt von Elmar Gruber in "Tranceformation", (Sphinx-Verlag Basel 1982) einem wundervollen Buch, das keine Scheu hat, sich als unwissenschaftlich einordnen zu lassen. Viele weitere Schamanengeschichten finden sich in der Übersetzung von Adolf Friedrich und Georg Buddruss (München 1955, Verlag Clemens Zerling Berlin 1987), die gelten dann als wissenschaftlich. Wir spielen auf der Grenze. Außer dass sie Hunde sind, haben die Hunde der Samojeden wahrscheinlich nicht viel zu tun mit dem ugaritischen Mondgott in seiner Hundeform, leider. Während uns bei den Schamanen dauernd die Jenseitsreisen begegnen, fehlt mir bei Jarich eben genau diese Text-Gattung und das zur Erzählung gehörige Ritual. Immerhin gewinnen wir bei den Schamanen den engen Zusammenhang der Jenseitsreise mit dem Initiationsvorgang. Das ist kein Wunder, denn Initiation ist von ihrem Ursprung her ein Durchgang durch's Totenreich. Die enge Beziehung Jarich's zum Jenseits hatten wir schon, es fehlen nur noch die Reise dorthin und das Initiationsritual.

Trojanerinnen auf der Flucht und eine brandstiftende Göttin

Foto von einem brennenden Papierschiffchen

Flammen und Rauch
Es ist nur ein Papierschiffchen, das da brennt
Foto von kind and curious.
Herzlichen Dank dafür.


Hysterisches Feuer im Namen der Kassandra

Die Frauen, der bei ihrer Flucht auf Sizilien gestrandeten Trojaner, werden von der Göttin Iris in den Wahn getrieben, sie müssten ihre eigenen Schiffe verbrennen. So greifen sie zu den Fackeln, um die elende Meeresfahrerei zu beenden und stattdessen eine neue Heimat zu gründen.

"... nun verbrennet mit mir die leidigen Schiffe, denn mir schien im Traume der Geist der Prophetin Kassandra lodernde Fackel zu bieten ... "

Diesen Anfall von kollektivem Wahn erzählt Vergil im fünften Gesang seiner Aeneis. Der wilde Drang der Weiber zum Schiffeverbrennen läuft im vergil'schen Narrativ parallel zum labyrinthischen Reitertanz der Männer. Der hysterische Selbstzerstörungsakt spielt sich just zu der Zeit ab, als die Initiation der Jung-Männer mit ihren Reiterspielen zu Ehren des verstorbenen Stammvaters Anchises abgehalten wird. Nur bei Totenfeiern und Städtegründungen werden diese verschlungenen Kreis-in-Kreis-Bewegungen der römischen Rittertradition geritten. Städtegründungen waren durchaus auch Staatsgründungen und Totenfeiern haben nicht nur hier zu tun mit der Einführung der nächsten Generation ins Erwachsenendasein. Der Wahn der trojanischen Flüchtlingsfrauen hat seine Berechtigung im Übermaß des Leidens und Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer hängen bis heute zusammen mit der Unfähigkeit unserer Gattung, sich friedlich und freiheitlich und zum Wohle aller zu organisieren. Hier aber, im Zentrum der klassischen Kultur, werden Würde und Unwürde auf die Geschlechter verteilt.

Die "Natur" der Geschlechter oder der binäre Code des Imperiums

Vergil verdichtet in seinem Gesang die Geschlechterrollen, wie sie Geltung hatten für die römische Geschichte und für den ganzen Einflussbereich des Reiches: Die Männer leisten mit Ernst und Würde die konstruktive Magie zum Aufbau von Familie und Imperium. Der ganze Schwall von Würdelosigkeit und hysterischem Irresein wird dagegen ausgegossen auf der Seite der Frauen. Die trojanische Flüchtlingsgruppe zelebriert auf Sizilien sozusagen ein binäres Ritual. Unter den stolzen Blicken ihrer Väter reiten die Jungmänner diszipliniert die genau vorgeschriebenen labyrinthischen Kreise, mit denen die Ahnen geehrt und Städte gegründet werden. Die Frauen toben derweil mit brennenden Fackeln durch's Lager der hölzernen Schiffe und berufen sich bei ihrer gemeinschafts- und selbst-zerstörerischen Manie auf den Namen der trojanischen Königstochter und Prophetin Kassandra, die doch den Untergang Trojas nicht verursacht, sondern nur vorausgesehen hatte. Und das ist die Stelle bei Vergil, die zusammen mit dem etruskischen Weinkrug von Tragliatella den Bezug Trojas zum Labyrinth erzeugt. Das Selbstbewusstsein der römischen Rittergeschlechter, Nachfahren des sagenhaften Troja zu sein, hängt an dieser Geschichte. Die göttliche Abstammung der Julier wird eingewickelt in die labyrinthischen Wendungen solcher Texte oder aus ihnen erst entwickelt. In den Abhandlungen zum Labyrinth wird allerdings immer nur der römisch-männliche Part zitiert: das Reiterritual. Das dazu komplementäre Geschehen im römisch-vergil'schen Frauenbild wird - glaube ich - nirgends im Zusammenhang mit dem Labyrinth gesehen.

etruskischer Weinkrug von Tragliatelle. ca. 600 v.Chr. Labyrinth-mit-Inschrift-TRUJA_zwei-Reiter-und-zwei-kopulierende-Paare_ Nachzeichnung-von-Mariani-1881

Labyrinth mit Inschrift TRUJA, zwei Reiter und zwei Paare. Ausschnitt aus der Darstellung auf dem etruskischen Weinkrug von Tragliatelle. ca. 600 v.Chr. Nachzeichnung von Mariani 1881

Gefangene (m/w und irgendwie auch d) im Labyrinth

Es geht hier nicht darum, den bösen Buben vom Patriarchat eine weitere Untat vorzuwerfen, sondern es geht darum, die Muster unseres kulturellen Erbes zu erkennen. Nicht nur die Männer sondern auch die Frauen hängen in diesen vorgeprägten Wegen. Die Zweiteilung in würdevolles Reiterspiel und hysterisches Feuerlegen wiederholt sich in so manchem Ehestreit bis heute. Die klassisch-römische Kultur ist eine weiterwirkende Schicht in unserer seelischen Stratigrafie. In der römischen Schicht ist das Labyrinth fest verzurrt einerseits mit dem Prestige der imperialen Oberschicht und andererseits mit der Zweiteilung der religiösen Kräfte nach männlich und weiblich. In jedem der beiden Geschlechter kommt die jeweils andere Kraft zu kurz und manche Diversen fliehen vielleicht auch deshalb aus der Binarität. Der Gesellschaft fehlt außerdem die heilsame Verbindung von Letzten und Ersten, von Alpha und Omega. Dem Kirchenboden von El-Asnam in Algier ist es nicht so ganz gelungen, das Labyrinth zurückzuerobern für die Allgemeinheit. Sehr viel eher hat der römische Machtstrom die Sancta Ecclesia unterspült. Die Prestige-Gelüste des römischen Ritterstandes und der Senatoren-Clans kehren wieder in den kirchlichen Hierarchien. Mit der Erhebung zur Staatsreligion verliert das Christentum schon sehr weitgehend seinen Faden zu den Omega-Menschen und die Anführer (m) der Kirche schlittern in die glitschigen Fallen des Alpha-Menschentums. Wie kann unser Rabbi aus Galiläa das Alpha und das Omega auf Dauer zusammenhalten? Verschärft wird die Gefahr durch die germanischen Häuptlinge, die wenig später mit aller Kraft das Imperium beerben wollten, ohne nach den Gründen seines Untergangs oder nach all den im Christentum verarbeiteten Untergangserfahrungen zu fragen. Und die Bibelhandschrift des Joseph von Xanten mit dem schön gezeichneten Haus der Rahab hängt noch immer tapfer in der Warteschleife.

Labyrinth Kirchenboden 324 n.Chr. Reparatus-Basilika Algerien

Bild: Labyrinth-Kirchenboden in einer der ältesten erhaltenen Kathedralen der Welt, der 324 n.Chr. erbauten Reparatus-Basilika in El Asnam, Algier. Bei Hermann Kern Nr.116. Im Zentrum steht vielfach und in alle Richtungen lesbar: Sancta Ecclesia.

Die Verbindung des biblischen Gottes mit Unwürde und Wahn

Ist Saul auch unter den Propheten

Dürfen der Wahn und die Unwürde heidnischer Götter zusammengesehen werden mit dem biblischen Gott? "Ist Saul auch unter den Propheten" so fragen sich die Leute, als dieser in Verzückung gerät. Verzückung ist die übliche Übersetzung für diesen religiösen Zustand in den ein Mensch versetzt werden kann. Eine Art Trance dürfte es sein, in die Saul kurz nach seiner Salbung zum König geriet, ein zeitweiliges Von-Sinnen-Sein, in dem ein Mensch durch Eingreifen Gottes verwandelt wird, so erzählt es das Erste Buch Samuel, Kapitel 10. Zumindest bei Saul hört es sich so an, als wäre die Verzückung Teil eines initiatorischen Vorgangs, auch wenn es sich in der Öffentlichkeit, also außerhalb eines rituell geschützten Rahmens ereignet. Die Verzückung wird als Bestandteil seiner Königwerdung erzählt, aber sie ist kein Ausdruck von Hoheit oder Machtentfaltung. Die Reaktion der Leute klingt ein bisschen abfällig. Es sind auf jeden Fall keine Bravo-Rufe und keine Huldigungen für den neuen König. Das kann es auch gar nicht sein, weil seine Salbung zum König durch Samuel noch nicht einmal im Familienkreis, geschweige denn in der Öffentlichkeit bekannt gegeben wurde. Saul ist als König noch incognito.

David tanzte mit aller Macht vor dem Herrn

So etwas ähnliches geschieht auch mit dem berühmtesten König Israels, nämlich David, als er die Bundeslade nach Jerusalem holt. Den heiligsten Gegenstand der israelitischen Religion in der neuen Hauptstadt seines Reiches zu installieren, war für den jungen König eine aufregende Aktion. David tanzte mit aller Macht vor dem Herrn her und er war nur mit einem Ephod bekleidet, so heißt es im Zweiten Buch Samuel, Kapitel 6. Seine Frau Michal empfindet es als unwürdig, wie ihr Ehemann, der König, da in religiöser Erregung halbnackt auf der Straße herumhüpft. Gleich nach der Äußerung ihres Missmutes, wird ihre Kinderlosigkeit berichtet, fast als wäre es eine göttliche Strafe für ihre Verächtlichkeit gegen die religiös begründete Unwürde. Wer den Gott nicht erkennt in seinem scheinbar würdelosen Außersichsein, der schadet der eigenen Zugehörigkeit zu seinem Heil.

Propheten und Wahnsinnige

Die beiden ersten allgemein anerkannten Könige Israels gerieten also in außergewöhnliche Geisteszustände an wichtigen Stellen ihres "Königsweges". Diese außergewöhnlichen Geisteszustände und Verhaltensweisen, so wird erzählt, lösten bei Teilen ihrer Umwelt mindestens ein gewisses Befremden wenn nicht deutliche Verachtung aus. Und nicht nur bei der Gründung des Königreiches, sondern auch beim Verlust desselben, bilden Unwürde und Wahn die Brücke zu Gott. Nachdem Jerusalem von den Babyloniern unterworfen wurde, befallen solche Zustände den Propheten Hesekiel. Schwer lag die Hand Gottes auf ihm, so berichtet er (Hesekiel Kapitel 3, Verse 14 und 15) und er fuhr dahin im bitteren Grimm seines Geistes, bis er kam zu den Weggeführten am Fluss Kebar. Bei denen blieb er sitzen sieben Tage lang ganz verstört. Auch beim Propheten Jeremia (Kapitel 29, Vers 26) gibt es in der Kommunikation mit den nach Babylon Weggeführten eine Stelle, wo die Wahnsinnigen und Propheten in einem Atemzug genannt werden. Sogar ein Priester wird aufgeführt als Aufsichtsperson für diese Personengruppe. Anscheinend gab es am Tempel von Jerusalem eine Art psychiatrische Abteilung, vielleicht ganz ähnlich zur Versorgung der auf dem Initiationstrip Hängengebliebenen im Tempel des Oxalá (siehe oben).

Ein kleines Konzept von Initiation

In polytheistischen Gotteskonzeptionen sind Naturvorgänge, noch mehr aber gesellschaftliche und psychische Vorgänge symbolisiert und in Analogie zueinander gesetzt, um einander gegenseitig zu erklären. Mit Initiationsritualen werden Persönlichkeitsentwicklungen bearbeitet, oft in der Vorstellung, dass im einzelnen Menschen sozusagen eine Gottheit im Embryonalzustand wohne, die zur Welt gebracht werden will. Das Drängen der Gottheit erscheint von außen gesehen als seltsames Verhalten des Menschen. Je weniger der Mensch seine Seltsamkeiten willentlich korrigieren kann, desto stärker wird der Verdacht, dass er von seinem Gott damit zur Initiation aufgefordert wird. Wahnsinn wird verstanden als eine Art von göttlichen Vorgeburtswehen. An den verschiedene Arten von Wahn oder irrsinnigen Verhaltensmustern soll die Priesterin oder der Priester erkennen, welcher Gott da geboren werden will. Die Etappen des Rituals sind dann darauf abgestimmt, diese Gottheit herauszuarbeiten. Je nach Art der Gottheit kann das ziemlich blutig und gruselig werden. Initiation ist die Geburt dieser Gottheit und zugleich die Wiedergeburt des Menschen als seine Gottheit. Der Eingeweihte ist dann nicht mehr nur er selbst als Mensch, sondern ist zugleich sein Gott. "Erkenne dich selbst" steht für den Eintretenden über der Tempeltür. "Dann hast du Gott erkannt" steht für den Hinausgehenden über der Innenseite des Türsturzes. Im Tempel, in der Initiationshütte oder Initiationshöhle soll die Begegnung von Gott und Mensch stattfinden. Initiation ist sowohl ein Akt der Gotteserkenntnis als auch ein Akt der Selbsterkenntnis. Und in beiden Richtungen ist mit Erkenntnis kein bloß denkerischer Akt gemeint, sondern ein Coming-out, eine das ganze Wesen ergreifende Hervorbringung, eben eine Wiedergeburt. Und die Wiedergeburt beginnt mit dem Sterben. Initiation ist eine Jenseitsreise, ein Durchgang durch's Totenreich, durch Himmel und Hölle. Die Abgründe und Höhenflüge der eigenen Seele sollen da erlebt werden. Die enge Beziehung Jarich's zum Totenreich ist kein Zufall und keine Erfindung der königlichen Dynastie von Ugarit oder sonst eines Mondgott-Verehrungsortes, sondern die ugaritischen Texte sind nur der belastbare Beleg der Jarich-Jenseits-Verbindung. Solche Initiationsrituale sind älter, tiefgründiger und viel weiter verbreitet als ihre royalistischen Verwendungen zum Autoritätsgewinn. Weniger hochtrabend, aber zugänglicher für moderne Menschen, könnten Initiationsrituale beschrieben werden als ein ferner Vorfahr der Jahrmarkts-Geisterbahnen, diese als verballhornte Spätlinge von Initiationswegen.

Relief auf einem romanischen Taufstein, links ein Hirsch, rechts ein Einhorn, 
wegen der Kruemmung des Taufbeckens ist aus dieser Perspektive jeweils nur der Kopf der beiden zu sehen, in der Mitte ein Hund oder Loewe in ganzer Gestalt

Ist das ein Hund oder ein Löwe? Jedenfalls ein vierbeiniges Tier zwischen Hirsch und Einhorn. Die Schwanzquaste spricht eher für einen Löwen. Steinmetzarbeit aus rotem Sandstein. Romanischer Taufstein in der Stadtkirche Freudenstadt im Schwarzwald. Wegen der Krümmung des Taufbeckens, sind aus dieser Perspektive von Hirsch und Einhorn jeweils nur Kopf und Vorderläufe sichtbar. Und vor dem Hirschmaul noch eine Schlange. Weitere Wesen teils menschlicher Art in seltsamen Körperhaltungen sind in den Sockel des Steines gemeiselt.
Ausschnitt aus einem Foto von Moleskine, ccbysa


Ihr heidnischer Hintergrund ist keine Beschmutzung der christlichen Taufe

Die christliche Taufe auf den dreieinigen Gott ist sehr wohl eine Initiation, auch wenn es in der Taufe ein ganz besonderer Gott ist, in dem der Initiand / die Initiandin wiedergeboren werden soll. Die Übertragung der dargestellten Konzeption auf ein monotheistisches System wirft natürlich manche Probleme auf, dennoch könnte es für christliche Tauftheologie hilfreich sein, sich diesem heidnischen Traditionshintergrund zu stellen. Die dabei entstehenden Probleme sind womöglich heilsamer, als ihre (sich als theologisch sauber darstellende) Verdrängung.

Zurück zum Text KTU 1.11451: Ist das wirklich Jarich im Initiationsprozess?

Das alles ist jetzt sehr locker und assoziativ gedacht und mit der kleinen Gastmahl-Geschichte KTU 1.11451 ist die Textbasis auch ziemlich schmal, dennoch meine ich, dass es sich bei der Geschichte vom hündischen Jarich unter dem Tisch nicht nur um den Auftakt zu einem Rausch-Heilungszauber handelt, also um den narrativen Teil vor der Heilungs-Beschwörung, sondern eher um eine Art Initiationserzählung. Spekulativ gesprochen: Jarich steht hier für den Initianden auf der ersten Stufe seines Initiationsweges. Dem hündischen Jarich müsste der büffelige folgen und als dritter Zustand käme der löwenartige, falls der ugaritische Initiationsweg ein ähnliches Schema hätte, wie die Jenseitsreise im biblischen Sterbegebet Psalm 22. Aber auch anders strukturierte Initiationswege könnten mit dem Hund beginnen. Nicht spekulativ sind die festgestellte Beschreibung von Wahn und Entwürdigung des Mondgottes in Kombination mit dem Gott-incognito-Motiv. Und die beiden Göttinnen, die ihn trotz hündischem Verhalten als Gott erkennen, sind dann die Heilerinnen für den Göttervater.

Die zwiespältige Rolle des Mondgottes

Vermutlich spielt der Mondgott religionsgeschichtlich eine zwiespältige Rolle.

Einerseits fungiert er für die Staatsgründungsimpulse als Autoritätslieferant der Königshäuser. Dafür müsste er in den Initiationsritualen nicht nur der Könige, sondern davor noch der Herrentümer eine große Rolle spielen. Das Herrentumsmuster von Jericho und vielleicht sogar diese Stadt als Königsmacheranlage könnten der Grund für ihre Vernichtung gewesen sein.

Andererseits steckt der Mondgott irgendwie auch in jener Religionsspur, die von Abrahams Vorfahren aus Ur in Chaldäa über Harran zu Josua und seiner Königskritik führt, und weiter schließlich bis zu Jesus, zur christlichen Taufe und zum Abendmahl. Über die Suche nach der initiatorischen Rolle Jarichs hinausgehend, sollten die Fäden von Wahn, Entwürdigung und dem Gott-incognito in ihrer religionsgeschichtlichen Tragweite zumindest angedeutet werden, dazu die folgenden Abschnitte zu Jesus von Nazareth.

Jesus in den Zusammenhängen von Wahn und Entwürdigung

Die Würdelosigkeit in seinem Umgang

Die Parteinahme Jesu für die Entwürdigten zieht sich durch seine Geschichte. Er heilt alle möglichen Krankheiten und besonders genannt werden unter anderem die Besessenen und die Aussätzigen, Wahnsinnig die einen, ausgeschlossen von der menschlichen Gesellschaft die anderen. Wo Jesus zum Gastmahl geht, also zum Marzeach oder Symposion, da sind es meistens die Sünder und Zöllner, mit denen er zu Tische liegt. Er führt ein Gespräch mit einer moralisch fragwürdigen und gesellschaftlich isolierten Frau am Brunnen und in einer rechtlichen Diskussion rettet er eine Ehebrecherin vor der Steinigung. Das alles gehört nicht unbedingt zu einem würdebetonten Verhalten als Rabbi.

Die Würdelosen in seinen Sprüchen

In seinen Gleichnissen werden die Obdachlosen zum Hochzeitsfest eingeladen, anstelle der vornehmen Bürger, die anderweitig beschäftigt waren (Matthäus 22). Auch endet da ein Mensch nach seinem moralischen und finanziellen Niedergang als Schweinehirte, wird dann aber, als er sich zur Heimkehr aufrafft, zuhause von seinem Vater freundlich aufgenommen (Lukas 15). Der hungernde und mit Geschwüren bedeckte Lazarus wird in der Geschichte Jesu ins Paradies zu Abraham befördert. Und als Vorbild der Nächstenliebe nimmt er ausgerechnet einen Samaritaner, also einen Angehörigen einer nicht-anerkannten bis verfeindeten Religionsgemeinschaft. In seiner Bergpredigt preist er die geistig Armen selig und die meisten Auslegungen versuchen sich an dieser Solidaritätserklärung für die weniger Intelligenten vorbei zu mogeln. Der Mut zur eigenen Dummheit ist eine wenig bekannte Art von Seligkeit. Hochgehoben werden von Jesus im selben Zusammenhang noch ein paar andere Menschentypen (Traurige, Sanftmütige, Friedensstifter, Geschmähte, Verleugnete usw.), die auch nicht zu den erstrebten Erfolgsmodellen in einer Ellenbogengesellschaft gehören.

Spotkreuz vom Palatin

Die Würdelosigkeit in seiner Erfahrung

Wahn und Entwürdigung spielen sich aber nicht nur in seinem Umfeld und in seinen Aussagen ab, sondern Jesus selbst ist am heftigsten davon betroffen. Seine Gegner entrüsten sich öfter über ihn und beschimpfen ihn als Fresser und Weinsäufer, sogar die Verwandten Jesu halten ihn für übergeschnappt und wollen ihn einsperren. Er sei von Sinnen, sagen seine eigenen Familienangehörigen und versuchen ihn in Gewahrsam zu nehmen (Evangelium nach Markus, Kapitel 3, Vers 21). Der Konflikt ist so heftig, dass Jesus seine Brüder und seine leibliche Mutter verleugnet. "Wer den Willen Gottes tut, ist mein Bruder und meine Mutter."

Die Würdelosigkeit in seinem Leiden

Auf den letzten Stationen seines Lebensweges wird unser Gott und Herr entkleidet, geschlagen und bespuckt und höhnisch mit Dornen gekrönt. Nicht einfach als tragisches Schicksal werden in den Evangelien diese Demütigungen erzählt, sondern als Weg Gottes zur Rettung der Menschheit. Die schlimmsten Szenen der Entwürdigung Jesu gehören zum heiligsten Inhalt unserer Heiligen Schrift und die Kreuzigung als die schändlichste aller Ermordungsarten, die das Imperium für seine Gegner bereithielt, wurde zum Symbol unserer Religion.

Nicht vom Wein

Nicht vom Wein kommt die Entwürdigung des Nazareners, sondern die Verknüpfung Jesu mit dem Passah-Lamm und mit der jüdischen Exodus-Erzählung gibt dem christlichen Umgang mit Würdelosigkeit eine ganz andere gesellschaftliche Schärfe und Qualität, als die vergleichsweise harmlosen Niederlagen-Verarbeitungen in den dionysischen oder ugaritischen Ritualen und Mythen. Diese Verknüpfung unterscheidet auch das Sterben Christi von den Mustern der vielfältig sterbenden Götter und Göttinnen in Natur- und Vegetations-Zyklen. Sein jüdisches Erbe hebt das Christentum heraus aus den anderen Mysterienreligionen. Die Kulte um Dionysos als dem vermutlich Ersten dieses Religionstyps und um Mitras als dem vermutlich Mächtigsten desselben Typs, wurden von der römischen Oberschicht goutiert oder zumindest geduldet. Auch der Kult um Kybele mit seinen anatolischen Wurzeln bis tief ins Neolithikum und der um Isis und Osiris lösten trotz der in ihnen enthaltenen matriarchalen Relikte bei weitem nicht solche Ängste bei den Mächtigen aus, wie es das Christentum tat. Die frühen Christenverfolgungen kleinzureden durch Angleichung an die Konflikte um die genannten und manche weiteren Religionen, hilft nicht zum Verständnis der antiken und spätantiken Religionsentwicklung. Der Paniktrigger für das Imperium liegt größtenteils nicht im Christentum selbst, sondern in seiner Herkunft von der Sklavenbefreiungsreligion. Die seleukidisch-hellenistischen Verfolgungen des Judentums (Antiochus IV gegen die Makkabäer) und erst recht das Pogrom von Alexandria hängen ganz eng zusammen mit dem Passahfest und seinem systemgefährdenden Narrativ vom Exodus. Indem Jesus sich selbst mit dem Passah-Lamm gleichsetzt, erhält das christliche Abendmahl den inhaltlichen Sprengsatz, der jede Marzeach- und Symposion-Tradition zur bloß formalen Anknüpfung degradiert. Die kulturelle Anknüpfung war sicher wichtig sowohl für die Weitergabe als auch für die Tarnung des Christentums, aber da liegt nicht der inhaltliche Kern. Der gefeierte Auszug aus der Sklaverei ist das rote Tuch für die Herrschenden und die Verbindung vom Passah-Lamm zu Jesus im Abendmahl ist der stärkste rote Faden vom Alten zum Neuen Testament. Alle hellenistischen Gastmähler und die von ihnen transportierten Identitätsfaktoren sind nur Feigenblattschürzchen vor der eigentlichen Veränderungskraft, die Jesus ins Abendmahl einpflanzt. Diese Veränderungskraft macht das Christentum zur Gefahr für das Imperium und im Vergleich dazu sind alle anderen Mysterienreligionen nur noch die Begleitmusik.

Jesus als Gott incognito

mit dem Gott incognito ist hier etwas anderes gemeint als der deus absconditus

In seinem berühmten Spruch "Was ihr getan habt einem meiner geringsten Geschwister, das habt ihr mir getan", macht Jesus sich selbst zum Weltenrichter und die Geringsten zum Maßstab des letzten Gerichts. Das Urteil über alle menschliche Lebensführung orientiert sich ganz am Verhalten den Schwachen und Notleidenden gegenüber. Jesus, der kleine Wanderprediger aus Galiläa, tritt in diesem Gericht als der Richter auf, also als Gott. Das ist die Aufhebung des Incognito. Beim Weltgericht gibt sich der bis dahin unerkannte Gott zu erkennen. Und diese göttliche Rolle wird kombiniert mit der quasi Vergötterung der Geringsten. Wie die Aufhebung eines zweiten Incognito wirkt diese neue Rollenzuschreibung. Das erbärmliche Ausgeliefertsein wird verwandelt in den Maßstab der Moral. So ähnlich wie Odysseus bei seiner Heimkehr nach Ithaka den Bettlermantel abwirft und sich als Hausherr zu erkennen gibt, so werden die Bettler enttarnt als die Gegenwartsformen Gottes unter den Menschen. Jesus ist der Alpha, der höchste Richter, und er identifiziert sich mit den geringsten unter den Menschen, mit den Omegas.

Eine weniger bekannte Stelle des Incognito-Motivs ist "das Verborgene" in der Bergpredigt (Evangelium nach Matthäus, Kapitel 6). Da wird für drei Arten frommen Verhaltens geraten, es nicht vor den Leuten zu tun, nämlich für das Almosengeben, für das Beten und für das Fasten. Beim ersten und dritten, also beim Almosengeben und beim Fasten im Verborgenen Mt6 2x Almosen und Fasten, Dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird es dir vergeltn eingehüllt dazwischen das Vaterunser

Phil 2

Gott incognito bedeutet Alpha und Omega

beides zugleich und im Sinne der Hackordnung und zu deren Aufhebung

Der Gott-Incognito ist genau die Verknüpfung von Alpha und Omega beides im Sinne der Hackordnung. Und wenn Gott beides zugleich ist, Alpha und Omega, dann ist damit die Hackordnung aus den Angeln gehoben. Wo der Junior-Chef und Firmen-Erbe incognito im Betrieb unterwegs ist, oder auch nur das Gerücht umgeht, er wäre es, da werden alle Umgangsweisen der Mitarbeitenden miteinander auf ein neues moralisches Niveau gehoben. Egal mit wem du es zu tun hast, es könnte der Junior-Chef sein. Egal welchem Menschen du begegnest, es könnte der Gottessohn sein. Die Selbstaussage Jesu, er sei Alpha und Omega, egal ob von ihm selbst gesagt oder ihm von den Evangelisten in den Mund gelegt, ergibt gegenwärtig den stärksten Sinn, wenn ihr die Hackordnungsbedeutungen hinterlegt werden. In jeder Szenerie menschlichen Miteinanders und Gegeneinanders gilt: Immer bei dem oder der Letzten (Schwächsten, Wehrlosesten, Dümmsten, Ungeschicktesten, Isoliertesten, ...) ist Christus. Deshalb werden die Letzten die Ersten sein.

Schriftzug Rahab auf Rahab und die rote Schnur

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Labyrinthische Frauenschicksale Kassandra Ariadne Rahab

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